Kolumne: Der sozialethische Anspruch der Krippe

Von Professor Peter Schallenberg

Professor Peter Schallenberg. Foto: KSZ
Professor Peter Schallenberg. Foto: KSZ

Obwohl der Heilige Abend schon eine Woche vergangen ist, ist die Weihnachtsstimmung noch nicht verflogen – liturgisch sind wir ohnehin noch in der Weihnachtsoktav. Weihnachten ist also punktuelles, weil konkretes, und andauerndes Ereignis zugleich: Die einmalige Menschwerdung Gottes begleitet und trägt uns durch das Jahr, durch unser gesamtes Leben. Die Zeit „zwischen den Jahren“ ist eine Zeit des Übergangs, des Rückblicks, aber auch der Hoffnung und Spannung auf das Kommende. In der Krippe ist uns diese Hoffnung auf das Kommende, als Kind begegnet, um sich anfanghaft begreifbar zu machen. Der Legende nach stellt Franz von Assisi, zu dem zurzeit eine hervorragende Ausstellung in Paderborn stattfindet, 1223 in Greccio, die erste Krippe dar – damals noch mit lebendigen Tieren. Die Menschen dieser Zeit verstanden sehr gut, was er damit ausdrücken wollte: Gott, der als verletzliches Kind geboren wurde, ist auch für dich, hier und jetzt, geboren. Seine Predigt, die er an diesem Abend hielt, machte die Weihnachtsbotschaft förmlich greifbar.

Das Diktum von der immer aktuellen Geburt Christi, der Menschwerdung Gottes, gilt für uns gleichermaßen wie für die Menschen damals. Der inkarnierte logos aber zieht in einem zweiten Schritt ein ethos nach sich, das dem Wesen des Menschen entsprechen soll, als dasjenige, das Liebe schenken und empfangen will. Dies wurde in der Einfachheit der Botschaft von Franz von Assisi bereits verstanden, der sich sogleich daranmachte, die göttliche Liebe in menschlichem Antlitz aufscheinen zu lassen. Die franziskanische Ethik entspricht daher nicht dem nutzenmaximierenden Kalkül der bloß äußeren Gerechtigkeit, sondern will gerade den ungerechten Tausch der Liebe leben. Dies ist auch das Wesen seiner Heiligkeit: Christus, der neue Adam, stellt den Menschen als gut gedachten Menschen wieder her; in ihm begegnen wir dem homo perfectus und damit unserem eigenen Anspruch. Doch ist dieser Anspruch nicht immer einer, hinter dem wir zurückbleiben und ausweglos scheitern müssen? Tatsächlich ist der Anspruch riesig, doch die Gnade Gottes will uns das Vertrauen geben, das dieses scheinbar unerreichbare Ziel näher rückt. Eine Person wie Franziskus hilft uns mithin dabei, die Heiligkeit nicht als reine Utopie zu verstehen, sondern im Hinblick auf eine recht verstandene Eschatologie als erreichbare Alternative zu denken.

Und auch unter sozialethischer Perspektive markiert die franziskanische Ethik eine fulminante Neuerung: Wenn Gott in der Geschichte handelt, auch dies zeigt die lebensnahe Darstellung der Krippe, und die Geschichte auf ein Kommen des Herrn zuläuft, dann muss alles darangesetzt werden, die Gegenwart für dieses Kommen vorzubereiten. Die wirkliche Eschatologie lässt die Christen also nicht die Hände in den Schoß legen, sondern sich dem zuwenden, was dem Ideal des kommenden Christus nicht entspricht. So geschieht eine beispiellose und bis dahin nie vorgekommene Hinwendung zu den Armen, Kranken und Leidenden der mittelalterlichen Gesellschaft. Dies markiert mithin den Ausgangspunkt der ersten sozialethischen Überlegungen überhaupt. Im Horizont der Eschatologie entfaltet sich auf diese Weise wahre Sozialtheologie. Neben dem neu aufblühenden Gedanken des Eschatons begegnet uns zugleich die Vorstellung, dass Christus nicht nur einmal konkret Mensch werden will, sondern sich in jeder Person inkarniert. Dass uns so Christus durch den Nächsten begegnet und das wir ihm in gleicher Weise nachfolgen sollen. Vom leidenden Christus aus verstehen wir Hilfe am leidenden Nächsten. Der Gedanke der compassio ist damit eng verknüpft: Das Mitleiden, aber auch das heilend tätig werden, ist darin angelegt. Und dies nicht nur auf einer individuellen, tugendethischen Basis, sondern auch systemisch. Die ersten genossenschaftlichen Banken („montes pietatis“) sind dafür ein leuchtendes Beispiel. Das Handeln zum Vorteil der Armen hatte so einen dezidiert franziskanischen Hintergrund, der die Natur mit der Gnade versöhnen wollte. Sozialethik, so sehen wir daran deutlich, hat nach wie vor einen spirituellen Kern, geht von der innerlich empfundenen Armut Christi zum Außen der persönlichen und institutionellen Hilfe.

Gerade in der weihnachtlichen Zeit dürfen wir also ohne erhobenen Zeigefinger, ohne ein plattes Moralisieren, an die Ursprünge der Sozialethik denken, die ohne Bezüge zur franziskanischen Wende nicht vorstellbar wäre.

Msgr. Peter Schallenberg ist Direktor der Katholischen Sozialethischen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.