Kolumne: Begegnung ohne Burka!

Von Johannes J. Frühbauer

Johannes J. Frühbauer. Foto: Privat
Johannes J. Frühbauer. Foto: Privat

Burka und Burkini, Niqab, Hidschab oder Kopftuch – der Streit um die islamische „Kleiderordnung“ für Mädchen und Frauen hält an, füllt derzeit das legendäre Sommerloch und erhitzt seit Jahr und Tag so manches Gemüt. In Deutschland wie in den europäischen Nachbargesellschaften. Obwohl es „nur“ um ein Stück mehr oder weniger Stoff geht, werden doch die großen Themen wie Rechtsordnung, Religionsfreiheit, Menschenrechte, Integration, Sicherheit und Toleranz aufgerufen und verhandelt. In den Talkrunden genauso wie an realen oder fiktiven Stammtischen, in den Leitartikeln und Kolumnen ebenso wie in den Gerichtssälen.

Warum? Viele Menschen in unserer Gesellschaft sind durch muslimische Frauen, die sich in der Öffentlichkeit mit Niqab oder Burka zeigen und zugleich doch ihre Person verbergen, befremdet, verstört, verärgert. Manche mögen sich durch die Verschleierung sogar bedroht fühlen, andere, wohl wenige, wiederum lässt sie komplett kalt. Irritation wie Indifferenz sind zu beobachten. Die mit der„Burka-Frage“ verbundene Herausforderung ist vielschichtig und hat mehrere Ebenen. Die Wahrnehmungen und Empfindungen auf der individuellen Ebene müssen nicht verleugnet werden. Ablehnung und Widerspruch zu einer befremdenden Bekleidungsart und einem nicht allein symbolischen Religionsbekenntnis sind legitim und damit überhaupt Voraussetzung dafür, dass Toleranz ins Spiel kommen kann. Und genau diese ist auf der Ebene der Individuen zunächst gefordert. Gerade wenn einem das Tuch und Tun der Anderen, ihre Haltung und ihr Verhalten aufgrund der eigenen Wertüberzeugungen und persönlichen Einstellungen gegen den Strich gehen, dann befähigt die Tugend der Toleranz dazu, dies zumindest auszuhalten und zu erdulden. Die individuelle Ebene hat aber auch rechtlich-moralische Ansprüche und tatsächliche oder vermeintliche Bedürfnisse der Burkaträgerinnen in den Blick zu nehmen: Befragt werden sollten Aspekte wie Selbstbestimmung und Freiwilligkeit, Zwang und Repression sowie Kommunikations- und Integrationsbereitschaft.

Auf der gesellschaftlichen Ebene ist ein Diskurs gefordert, der danach fragt, in welcher Gesellschaft wir wie zusammenleben wollen und welcher Voraussetzungen dieses Miteinander bedarf. In diesem Diskurs sind in einer religiös-weltanschaulich pluralen Gesellschaft auch die Religionsgemeinschaften gefordert – und hier „der“ Islam in besonderer Weise. In einem offenen Binnendiskurs ist aufrichtig und konstruktiv zu klären, welches der Beitrag der islamischen Gemeinschaften für ein gelingendes Zusammenleben sein muss und welche „Zumutungen des realen Lebens“ auch für Muslime tragbar sind. Es gibt Traditionen, Überzeugungen und Praktiken, die in einer offenen und liberalen Gesellschaft keine Zukunft haben dürfen, will sich diese mit ihrem ohnehin schon dünnen Wertefundament nicht selbst aufs Spiel setzen. Es braucht im konkreten Lebensvollzug das praktische und nicht nur theoretische Bekenntnis zu den Menschenrechten, zur Gewaltlosigkeit, zur Integrationsbereitschaft und nicht zuletzt zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Auf einer weiteren Ebene hat der säkulare Staat mit seiner Ordnungsmacht für das Zusammenleben und Miteinander der Menschen unterschiedlicher religiöser Herkunft und weltanschaulicher Prägung den rechtlichen Rahmen vorzugeben. Was zu gebieten oder verbieten ist, sollte in der Regel nicht allein durch juristische Instanzen festgelegt werden, sondern das Ergebnis deliberativer Prozesse einer demokratischen Gesellschaft sein. Dabei darf, ja muss es auch den politischen Streit darüber geben, was im Rahmen der Rechtsordnung von Religionsgemeinschaften zu erwarten oder als Ausdruck positiver Religionsfreiheit (Art. 4 GG) zuzubilligen ist. In dieser Hinsicht wird es viele symbolträchtige Phänomene und konflikthafte Praktiken geben, die nicht auf allseitige Wertschätzung oder zumindest Duldung stoßen können. Wo hier Grenzen, auch Grenzen des Tolerierbaren nicht überschritten werden sollten, lässt sich nicht pauschal festlegen, sondern ist situations- oder fallbezogen zu klären.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ – so wird der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber gerne und häufig zitiert. Wirkliche Begegnung aber kann nur dort stattfinden, wo Menschen einander ins Gesicht sehen und sich als ihresgleichen erkennen können. Das sollte von allen Mitgliedern unserer Gesellschaft anerkannt und erwartet werden. Darauf gilt es respektvoll und beharrlich zugleich hinzuwirken – und zwar diesseits von Geboten und Verboten.

Der Autor, Dr. Johannes J. Frühbauer, ist Bereichsleiter „Weltethos und Gesellschaft“ der Stiftung Weltethos.