Würzburg

Klimadebatte: Sachlickeit bitte

Der Klimawandel ist eine Schlüsselfrage für den Wirtschaftsstandort. Der Politologe Werner Patzelt macht acht Vorschläge zur Versachlichung der Debatte.

Protest gegen SUVs
Nach Ansicht Werner Patzelts ist es zu loben, wenn Deutschland sich um eine vorbildliche Klimapolitik bemüht, die, falls zielführend, später von anderen Ländern übernommen werden könnte. Foto: Bodo Marks (dpa)

Über Klimawandel und Klimapolitik streiten heute viele so, als ginge es um Glaubensfragen. Muss es aber wirklich unmöglich sein, sich über Grundlagen und Grenzen unserer Klimapolitik zu verständigen? Oder zumindest eine sachliche Auseinandersetzung zu führen? Vielleicht helfen die folgenden, in acht Punkten zusammengefassten und ziemlich einfachen Überlegungen, um aus manchem Streit die wechselseitig verletzende Schärfe zu nehmen.

1. Die Erdgeschichte ist voller Nachweise für immer neuen Klimawandel. Ihn auszulösen, braucht es offenbar den Menschen nicht. Also muss niemand die Augen vor den Erscheinungsweisen des derzeitigen Klimawandels verschließen, nur weil er die Vorstellung nicht mag, der Klimawandel könnte auch menschlich (mit-)bewirkt sein.

"Es ist argumentativ nicht überzeugend,
jeglichen aktuellen menschlichen Einfluss
auf das Erdklima auszuschließen"
Werner Patzelt

2. Es wäre sehr erstaunlich, wenn das Leben von sieben oder acht Milliarden Menschen auf der Erde samt den von ihnen bewirkten Veränderungen ihrer jeweiligen Umwelten keinerlei Einfluss auf das Erdklima hätte. Zwar kann man vernünftig darüber streiten, wie groß der Anteil von Menschen an welchen Erscheinungsformen von Klimawandel sein mag, oder welche Verursachungsketten von Klimawandel, ausgehend von welchem Land und mit genau welchen quantitativen Wirkungen, zu veranschlagen sind. Aber es ist argumentativ nicht überzeugend, jeglichen aktuellen menschlichen Einfluss auf das Erdklima auszuschließen.

3. Je mehr Menschen in einem Land mit annähernd gleichem oder sich angleichendem Verbrauchsverhalten leben, umso größer wird der Beitrag dieses Landes zum (menschlich verursachten Anteil am) Klimawandel sein. Und je größer dieser jeweils landesspezifische Beitrag ist, desto größer ist dann auch die moralische Pflicht des Landes, durch geeignete Maßnahmen klimatische Schäden von anderen Ländern abzuwenden. Malta hat also klimapolitisch eine viel geringere Bringschuld als China.

Eine Vielzahl landesspezifischer Versuche ist wünschenswert

4. Es ist schon gut, wenn ein Land über seine klimapolitische Bringschuld hinaus beispielhafte technische, wirtschaftliche, institutionelle und gesellschaftspolitische Lösungen jener Probleme zu erarbeiten versucht, die der Klimawandel mit sich bringt. Und weil ohnehin nicht damit zu rechnen ist, dass jeder klimapolitische Lösungsversuch tatsächlich funktioniert, ist eine Vielzahl von je landesspezifischen Versuchen – und somit auch das Eingehen von Risiken des Irrtums – durchaus wünschenswert. Also ist es zu loben, wenn etwa Deutschland sich um eine vorbildliche Klimapolitik bemüht, die – falls wirklich zielführend – später von anderen Ländern übernommen werden könnte.

5. Deutschland sollte sich aber vor jenem Übermut hüten, den die Schlussverse in Immanuel Geibels Gedicht von 1861 über „Deutschlands Beruf“ ausdrücken: „Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“. Andere Länder mit anderen Ansätzen der Klimapolitik könnten ja durchaus auch Recht haben. Ebenfalls ist es unvernünftig, in Deutschland solche klimapolitische Maßnahmen zu ergreifen, die – angesichts der realen Kleinheit Deutschlands – zum Abbremsen des globalen Klimawandels nur wenig beitragen können, doch im eigenen Land üble Begleit- und Nachfolgeschäden im Wirtschafts-, Gesellschafts- und politischen System zeitigen. Und schon gar nicht sollte man in das fatale deutsche Verhaltensmuster verfallen, „die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen [zu] treiben“ (so, in kritischer Absicht, Richard Wagner 1867 in seinem Aufsatz „Deutsche Kunst und deutsche Politik“).

Wissenslücken nicht durch Glaubensakte schließen

6. Außerdem sollte man das, was man über den Klimawandel und die ihn bewirkenden Verursachungsketten wissen kann, wirklich wissen wollen – und, falls es Anlass zu Zweifeln am als gewusst Behaupteten gibt, mit ausreichend angeeigneter methodischer Kompetenz hinterfragen. Unbedingt fernhalten sollte man sich hingegen von der aufblühenden Mode, Wissenslücken durch Glaubensakte zu schließen und sich in Gefühlsbekundungen dort zu flüchten, wo die Argumente ausgehen.

7. Es ist nicht weise, die über Jahrmillionen entstandenen fossilen Energieträger Erdöl, Erdgas, Kohle u.ä. weiterhin massenhaft in alsbald verflüchtigte Wärme- und Bewegungsenergie umzusetzen, weil auf diese Weise der – wohl noch über viele Jahrtausende bestehenden – Menschheit binnen weniger Generationen eine wohl auch in der Zukunft wichtige Grundlage von Produktionskreisläufen und Wertschöpfungsprozessen entzogen wird.

Umfassend auf unerschöpfliche Energiequellen setzen

Deshalb ist es vernünftig, möglichst umfassend auf unerschöpfliche Energiequellen wie Sonne, Wind, Wasserstoff und Kernfusion zu setzen sowie einen entsprechenden Umbau der weltweiten Energiewirtschaft voranzutreiben. Dazu gehört die Schaffung besserer Voraussetzungen zur Entwicklung von Energieumwandlungstechniken mit höherem Wirkungsgrad als heute, von ressourcenschonenderen und auch rezyklierbaren Speichermedien sowie von verlässlichen Kernfusionsreaktoren.

8. Auch klima- und energiepolitisch sollte der Staat aus den Fehlern der sozialistischen Planwirtschaft lernen. In dieser bestand ein sehr folgenreicher Fehler darin, dass die Politik sich mehr Wissen um technisch Mögliches, wirtschaftlich Sinnvolles und entlang von Plänen Durchsetzbares zuschrieb, als sie wirklich besaß oder prozessbegleitend erwerben konnte. Klüger wird es deshalb bei der Klima- und Energiepolitik sein, staatlicherseits vor allem verlässliche Rahmenbedingungen für ein eigenmotiviert auf Innovationen und auf Wirtschaftlichkeit ausgehendes gesellschaftliches Handeln zu schaffen.

Der Autor ist Professor im Ruhestand für Politische Wissenschaften an der Technischen Universität Dresden. Er war dort seit 1992 der Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Systemvergleich