"Geld ist nicht böse!"

Samuel Gregg erklärt, wie Banken Vertrauen stiften und Staaten zum Finanzkollaps beitrugen. Von Stephan Baier

Samuel Gregg, Forschungsdirektor des „Acton Institute“
Zuletzt in Wien: Samuel Gregg erklärt Christen die Gemeinwohl-Dimension des internationalen Finanzwesens. Foto: Stanislav Jenis / Austrian Institute
Samuel Gregg, Forschungsdirektor des „Acton Institute“
Zuletzt in Wien: Samuel Gregg erklärt Christen die Gemeinwohl-Dimension des internationalen Finanzwesens. Foto: Stanislav Jenis / Austrian Institute

Wer immer schon wissen wollte, warum Geld und Gewinne nicht böse sind, und wie die Finanzwirtschaft zum Gemeinwohl beiträgt, kam in der Vorwoche in Wien auf seine Kosten. Dennoch: Der Forschungsdirektor des US-amerikanischen „Acton Institute“, Samuel Gregg, ist alles andere als ein reiner Marktgläubiger oder gar ein Prediger der „Wohlstands-Theologie“ (prosperity gospel), wie sie bei Pfingstkirchen zu finden sind. Gregg argumentierte rational, sachkundig, differenzierend, zugleich mit unbeirrtem Blick auf Gemeinwohl und Rechtsstaatlichkeit.

Im Ton sanft rückt der erfolgreiche Wissenschaftler und Buchautor, der ein Doktorat der Universität Oxford in Moralphilosophie und Volkswirtschaft erwarb, den Blick von Theologen und Päpsten auf die Finanzwelt zurecht. Also verkniff sich auch der Gastgeber, der Präsident des „Austrian Institute of Economics and Social Philosophy“ (AI), Martin Rhonheimer, jeden Seitenhieb auf die im Mai veröffentlichte Erklärung der vatikanischen Glaubenskongregation zu Wirtschafts- und Währungsfragen, sondern unterstrich, dass Gregg „die positive Funktion des Marktes und der Banken“ unterstreiche. Rhonheimer, Priester des Opus Dei sowie Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, erläuterte das Ziel des von ihm gegründeten Instituts: Wie die Wirtschaft funktioniert, wie Wohlstand geschaffen oder verhindert wird, warum Armut der natürliche Zustand der Menschheit ist und mit welchen Methoden sie überwunden werden kann, warum Privateigentum und allgemeiner Wohlstand zusammengehören – das alles will Rhonheimers Institut aufzeigen.

Wie Nationen erblühen und Menschen entscheiden

Dafür war Samuel Gregg, wie sich bei seinem Vortrag im Wiener „Haus der Industrie“ zeigen sollte, allererste Wahl. Nicht nur in Europa, auch in den Vereinigten Staaten seien die Begriffe Profit, Finanzmärkte, Banken und Kapital in der Welt der Intellektuellen weithin negativ konnotiert, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Gemeinwohl zu hören, sagte er. Um dann zu zeigen, wie die Finanzwirtschaft einschließlich der Banken zur Wohlfahrt von Gesellschaften und zum Gemeinwohl beitragen.

In seinem 2017 erschienenen Buch „Für Gott und den Profit“ (in deutscher Sprache herausgegeben von Rhonheimers Austrian Institute) hatte Gregg das so zusammengefasst: „Insofern das Finanzwesen zu dem beiträgt, was wir ,kapitalschaffendes Geld-Engeneering‘, also eine Technik der Verwandlung von Geld in Kapital, nennen können, besitzt es ein immenses Potenzial, das Gemeinwohl und somit das Wohl des Menschen zu fördern.“ Es gebe Menschen Arbeit, lasse Firmen entstehen, ermögliche Entwicklung, Verwaltung und Konsum.

Gemeinwohl definierte Gregg in Wien freilich nicht sozialistisch, sondern als das, was Nationen helfe, aufzublühen, und Menschen ermögliche, sich frei zu entscheiden. Gregg machte sogleich klar, dass er nicht zu jenen gehört, die den Staat pauschal verdammen und den Markt für sakrosankt erklären: „Rechtsstaatlichkeit ist unmöglich ohne die Existenz von Regierungen.“ Die Wirtschaft hat in seiner Sicht nicht die Aufgabe, den Staat zu ersetzen oder anstelle des Einzelnen sittliche Entscheidungen zu treffen, sondern Waren und Dienstleistungen für die Konsumenten zu liefern und den allgemeinen Wohlstand zu mehren. Denn „ohne ökonomisches Wachstum wären wir alle ärmer, und am schlechtesten ginge es den Ärmsten“. Gregg unterstrich: „Unternehmen sollen keine politischen oder sozialen Aktivisten sein.“

Der in Australien geborene und in Amerika lehrende Gregg kann die Geschichte von Geld und Märkten auch als Kirchengeschichte erzählen: Da ist etwa der Franziskaner-Theologe Bernhardin von Siena aus dem 14. Jahrhundert, der den „produktiven Charakter“ des Kapitals erkannte, oder die franziskanische Gründung der Kreditgesellschaften „Montes Pietatis“ (Berge der Barmherzigkeit).

Geld erbaut Beziehungen

Der Beitrag zum Gemeinwohl bestehe nicht nur darin, dass das Zirkulieren des Geldes Wachstum erzeuge, sondern ebenso darin, dass jeder sein Kapital frei investieren könne, sei es in aufstrebende Unternehmen oder in Pensionsfonds. In seinem Buch entfaltete Gregg den Beitrag des Finanzwesens zur „universellen Bestimmung der Güter“, nicht zuletzt durch die Schaffung von wirtschaftlichem Mehrwert. „Geld ist nicht böse!“, sagte Gregg. Es liege vielmehr in seiner Natur, Beziehungen sowie wechselseitige Abhängigkeiten aufzubauen, Ermächtigung für Entwicklungen zu verleihen, Werte zu maximieren.

Zu den Beziehungen gehöre das Vertrauen: etwa in die Banken, die risikofreudige Investoren bremsen, das Geld anderer Leute zu verspekulieren. Die moderne Finanzwirtschaft helfe dabei, den Lebensstandard zu heben, Unternehmen zu gründen und Häuser zu bauen. Ohne die Bereitschaft, in die Unternehmen anderer Menschen zu investieren, gebe es keine Finanzwirtschaft. Die Dienstleistungen der Banken trügen so zum allgemeinen Wohlstand bei, würden tausenden Ideen, Initiativen und Unternehmungen auf die Sprünge helfen.

Verantwortung für Fehler und Irrtümer

Samuel Gregg räumte ein, dass kein Risikomanagement das Risiko ganz ausschließen kann, selbst wenn die Finanzexperten uns davon abhalten sollen, schlechte Investments zu machen. Menschen sind eben fehlbar, also auch jene, die Millionen Entscheidungen zu treffen haben. So könnten die Finanzmärkte die Risiken nur minimieren, es blieben aber ungelöste Probleme: etwa jenes des „moral hazard“, des leichtsinnigen Verhaltens aufgrund ökonomischer Fehlanreize, das insbesondere jene verleitet, die die Konsequenzen ihrer Risiken gar nicht zu spüren bekommen.

Gregg kritisierte in Wien nicht etwa die mangelnde Regulierung der Finanzmärkte, sondern – im Gegenteil – deren Überregulierung. Diesbezüglich sei die Situation in Europa noch schlimmer als in den USA, wo es nach 2008 zu einer neuerlichen Welle staatlicher Regulierung gekommen sei. Diese aber erschwere den Zugang des Einzelnen zum Kapital und mache es schwieriger, Unternehmen zu gründen.

In seinem Buch schrieb er: „In der Rückschau ist kaum zu leugnen, dass Staaten und Regulierungsinstanzen auf ihre je eigene Weise zum Finanzkollaps beigetragen haben.“ Was die Bankenrettungen angeht, argumentierte Gregg hier allerdings differenziert: Eine Rettungsaktion sei legitim, wenn jene, die die Rettung bezahlen, für ihren Verlust entschädigt werden und die Verantwortlichen für ihre Fehler und Irrtümer zur Verantwortung gezogen werden. Begründung: „Es ist grundsätzlich falsch, wenn man den Beschäftigten in der Finanzwirtschaft erlaubt, in guten Zeiten Kapitalisten, in schlechten dagegen Sozialisten zu sein.“