Geld ist das Mittel, Gemeinwohl das Ziel

Während es dem Kapitalismus an Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit fehlt, gewinnt die Gemeinwohlökonomie immer mehr Anhänger. Von Reinhard Nixdorf

Attac-Aktion an Frankfurter Börse
Anhänger des kapitalismuskritischen Netzwerks protestieren im Saal der Frankfurter Börse gegen das gewinnorientierte Handeln führender Unternehmen. Foto: dpa
Attac-Aktion an Frankfurter Börse
Anhänger des kapitalismuskritischen Netzwerks protestieren im Saal der Frankfurter Börse gegen das gewinnorientierte Han... Foto: dpa

Steht ein Politiker zu stark in der Kritik, muss er eines Tages zurücktreten. Wird eine Staatsform nicht mehr vom Volk getragen, kommt es irgendwann zur Revolution. Aber was geschieht, wenn ein Wirtschaftssystem rund um den Globus schwere Mängel zeigt? Angesichts der Bankenkrisen und Staatspleiten der letzten Jahre hat unser Wirtschaftssystem im wahrsten Sinne des Wortes viel Kredit verspielt.

Bereits 2010 ergab eine Studie der Bertelsmann Stiftung, dass sich 88 Prozent aller Deutschen eine andere, gerechtere Wirtschaftsordnung wünschen. Ähnlich fiel 2012 eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid aus: Acht von zehn Bundesbürgern wünschen sich danach eine neue Wirtschaftsordnung. Der Kapitalismus sorge weder für sozialen Ausgleich noch für den Schutz der Umwelt, hieß es. Das Konzept der Gemeinwohlökonomie würde dies indes sehr wohl tun. „Ethisches Verhalten muss sich lohnen“, sagt Christian Felber. Er ist Mitbegründer von Attac in Österreich, Autor und Initiator der 2010 ins Leben gerufenen Bewegung der Gemeinwohlökonomie. Felber macht einen Unterschied zwischen den gemeingültigen Moralvorstellungen und der marktwirtschaftlichen Praxis aus: „Die Werte, die wir in unseren Verfassungen hochhalten und die wir auch als Beziehungswerte in unseren Herzen tragen, führen in der Wirtschaft nicht zum Erfolg.“ Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit würden in der Wirtschaft nicht ernsthaft gelebt, weil niemand beim Messen des wirtschaftlichen Erfolgs nach diesen Werten fragt. Deshalb sei das gegenwärtige Wirtschaftsmodell im Kern fehlprogrammiert.

Der wirtschaftliche Erfolg einer Investition etwa orientiert sich an ihrem finanziellen Rückfluss, der Erfolg eines Unternehmens an seiner Bilanz, der Erfolg einer Volkswirtschaft am Bruttoinlandsprodukt. Doch all diese Indikatoren sind ausschließlich finanzielle, monetäre Erfolgsindikatoren. Gemessen wird das Geld. Das Geld ist aber stets nur ein Mittel des Wirtschaftens. Deshalb sagt die heutige wirtschaftliche Erfolgsmessung weder etwas über das Ziel der Wirtschaft aus, also über Gemeinwohl, Lebensqualität und Bedürfnisbefriedigung, noch etwas über den ethischen Gehalt des Wirtschaftens – also zu Gerechtigkeit, Solidarität oder Nachhaltigkeit. An diesem offensichtlichen Systemfehler setzt das Herzstück der Gemeinwohlökonomie, die Gemeinwohlbilanz, an: Sie will dafür sorgen, dass Geld nicht im Mittelpunkt des Wirtschaftens steht, sondern als Mittel eingesetzt wird, um ethisch zu investieren, zu produzieren und zu konsumieren und um ethisches Verhalten zu belohnen.

Unternehmen sollen deshalb nicht mehr allein an ihrem Wachstum und an ihren finanziellen Mitteln gemessen werden, sondern auch an ihrem Handeln für das Gemeinwohl: Die Gemeinwohlbilanz soll neben die Finanzbilanz treten. Denn, sagt Christian Felber: „Die Gemeinwohl-Ökonomie schafft weder die Finanzbilanz ab, noch verbietet sie privaten Unternehmen, Gewinne zu erzielen.“ Doch die Gemeinwohlbilanz soll Auskunft geben, wie sich das wirtschaftliche Handeln auf die Gesellschaft auswirkt. Dazu hat Felber einen Katalog mit etwa fünfzehn Kriterien entwickelt. Je sozialer, ökologischer, demokratischer und solidarischer Unternehmen funktionieren, desto besser fällt die Gemeinwohl-Bilanz aus. Gemessen wird in Punkten, maximal tausend sind erreichbar.

Das Ergebnis der Gemeinwohlbilanz, fordert Felber, soll sich in einer Besserstellung des Unternehmens niederschlagen, sodass das Unternehmen umso mehr rechtliche Vorteile genießen darf, je mehr Gemeinwohl-Punkte es erzielt: „Die besten Gemeinwohl-Bilanz-Ergebnisse, Richtung tausend Punkte, führen zu einem vollkommenen Erlass der Mehrwertsteuer gegen null Prozent oder zum vollkommenen Erlass aller Zollgebühren. Freihandel für die Fairsten. Sodass schlussendlich die ethischsten Unternehmen preisgünstiger anbieten können, als die Unternehmen, die die Verfassungswerte nicht ernst nehmen und leben.“

Die Gemeinwohl-Bilanz erstellen die Unternehmen zuerst selbst. Die Vision ist, dass die Bilanz von einer unabhängigen Instanz, etwa einer staatlichen Aufsichtsbehörde, mindestens aber von unabhängigen Wirtschaftsprüfern, überprüft wird. Aber was ist mit multinationalen Konzernen wie Siemens, Thyssen-Krupp oder Deutsche Bank, die im globalen Wettbewerb stehen? Schließlich gelten in China andere Werte als in Deutschland. Da plädiert Christian Felber für globale Welthandelsregeln: Sie sollen innerhalb der Vereinten Nationen in Abstimmung mit Menschen- und Arbeitsrechten, Umwelt- und Klimaschutz gebildet werden.

Gemessen an diesen Zielen steckt die Bewegung für Gemeinwohlökonomie erst in ihren Anfängen. Immerhin erstellen immer mehr Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz: 2011 waren es 55 „Pionierunternehmen“, darunter als erster deutscher Finanzdienstleister die Sparda-Bank in München. Heute unterstützten 1 900 Unternehmen, 240 Vereine, zwanzig Gemeinden und mehr als fünftausend Privatpersonen die Bewegung.

Die ganz großen Player im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem werden indes nicht so leicht zu überzeugen sein. Auf regionaler Ebene wären aber genug Modelle denkbar, mit denen die Öffentlichkeit gemeinwohlorientiert wirtschaftende Unternehmen unterstützt, indem diese etwa weniger Steuern zahlen müssen oder günstigere Kredite bekommen. Oder indem Konsumenten ethischen Produkten Vorrang geben. Oder indem soviel Transparenz geschaffen wird, dass jeder sieht, welche Unternehmen verantwortungsvoll handeln. Um diese Ziele zu erreichen, braucht es auch die Unterstützung der Politik. Ein erster Schritt ist getan: In Brüssel gab der Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Union am 17. September 2015 eine Stellungnahme ab: Die Gemeinwohlökonomie stehe nicht im Widerspruch zur Marktwirtschaft. Vielmehr sei der Ausschuss der Ansicht, „dass das Gemeinwohlmodell zu einem Wandel beitragen werde hin zu einem ,Europäischen Ethischen Markt‘, der soziale Innovationen fördert, die Beschäftigungsrate steigert und sich positiv auf die Umwelt auswirkt.“