Würzburg

Es geht an die Substanz

Corona hat ökonomische Folgen. Die Lage aus Sicht katholischer Verbände und der Sozialethik.

Coronavirus - Börse in Frankfurt/Main
Das Coronavorus bringt Börse und Wirtschaft in Schieflage. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Das Coronavirus bedroht nicht nur die Menschen, es bedrängt auch in massiver Weise die globale Wirtschaft. Weltweit sind die Börsen auf Talfahrt. Ein Ende des Abwärtstrends ist derzeit nicht absehbar. Die Bundesregierung und die politisch Verantwortlichen in den Ländern ergreifen Maßnahmen, um die Krise für die Unternehmen soweit wie möglich abzumildern. Wie sehen katholische Verbände die aktuelle Situation, was halten sie für dringend geboten und wovor warnen sie?

Härtefall-Fonds für Solo-Selbstständige

Ulrich Hemel ist der Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU). Er befürchtet im Gespräch mit der „Tagespost“ eine große Insolvenzwelle, die die deutsche Wirtschaft in Folge der Corona-Krise erreichen wird: „Natürlich sind auch große Konzerne, wie beispielsweise die Lufthansa, durch die aktuelle Lage schwer getroffen.“ Bedrohlicher sei allerdings die Situation vieler Solo-Selbstständiger oder kleiner mittelständischer Unternehmen. Ihnen fehle oft schon die Infrastruktur, um staatliche Hilfen zeitnah zu beantragen. „Darüber hinaus segeln viele von ihnen ohnehin vielfach hart am Wind“, beschreibt Hemel die fehlenden finanziellen Polster vieler kleinerer Unternehmen. Denjenigen die schon ohne die Krise Schwierigkeiten bei der Kreditbeschaffung hätten, stünde ein schwerer Weg mit ungewissem Ende bevor.

„Viele von ihnen werden es vielleicht nicht schaffen“, befürchtet Hemel. Die Politik müsse daher verstärkt den Blick auf die Existenzsorgen dieser Betriebe richten, von denen sie oftmals recht weit entfernt sei. Hemel schlägt vor, auf der Ebene der Industrie- und Handelskammern Krisenbeauftragte als Ansprechpartner einzusetzen, die die Firmen in der aktuellen Lage beraten und ihnen bei der Antragsstellung helfen. Bei den Maßnahmen der Bundesregierung begrüßt der BKU-Vorsitzende die aktuelle Aussetzung von Steuerforderungen. „Besser wäre es allerdings, wenn man diese Stundung auch auf die vom Arbeitgeber monatlich abzuführende Lohnsteuer und Umsatzsteuer ausweiten würde.“ Das führe aktuell zu einer Entlastung der Unternehmen und das Geld für den Staat sei schließlich auch nicht verloren. Hemel glaubt, dass eine solche Aussetzung bis zu 24 Monaten den bedrohten Unternehmen helfen könne.

Nicht auf den Internethandel ausweichen

„So etwas wie im Moment haben wir in Deutschland noch nicht erlebt. Um die Verbreitung des Corona-Virus einzudämmen, wird das öffentliche Leben in Deutschland nahezu stillgelegt“, stellt der Bundesvorsitzende des Verbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV), Josef Ridders, gegenüber unserer Zeitung fest. Die notwendige und alternativlose Schließung des Einzelhandels und der Gastronomie in vielen Bereichen sowie die Untersagung von öffentlichen Festen und Jahrmärkten stelle insbesondere viele Kleinst- und Einzelunternehmer vor existenzielle Herausforderungen. „Auch diesen Menschen sind wir es schuldig, dass der Staat ihnen solidarisch hilft und nicht nur große Unternehmen unterstützt. In vielen Fällen genügen keine Kreditzusagen und Kurzarbeiterregelungen.“ Hier seien vielmehr großzügige Härtefallfonds mit direkten Förderzusagen notwendig.

Aber auch die Gesellschaft müsse sich ihrer Verantwortung stellen. „Wir sollten jetzt nicht auf den Internethandel ausweichen, sondern den Einkauf – wenn möglich – verschieben und nach der Krise im Einzelhandel vor Ort einkaufen“, fordert Ridders. Der KKV-Vorsitzende wirft einen Blick auf die Zeit nach der Krise, die viele Gastronomen und Schausteller belaste: „Lassen Sie uns jetzt sparen und dann gemeinsam mit Familien, Nachbarn und Freunden in Gaststätten und auf Jahrmärkten feiern, wenn wir diese Prüfung bestanden haben!“ Das wäre, so Ridders, echte Hilfe und gelebte christliche Solidarität.

„Der Staat ist gefordert“

Der Paderborner Theologieprofessor Peter Schallenberg wirft als Sozialethiker einen Blick auf die Krise: Die schon erfolgten staatlichen Hilfszusagen für die Wirtschaft müssten noch stärker konkretisiert und von bürokratischen Hemmnissen befreit werden. „Wer zum Beispiel eine Sportevent-Agentur betreibt, wie ein Freund von mir, steht momentan kurz vor der Pleite und braucht möglichst schnell und unbürokratisch Adresse und Name der zuständigen staatlichen Stelle, die ihm zinslose Überbrückungskredite oder Kurzarbeitergelder bewilligt.“ In Zeiten der Krise in einer wettbewerbsorientierten Wirtschaft sei es in einer Sozialen Marktwirtschaft und im Unterschied zu einer britischen oder amerikanischen Wirtschaftsauffassung immer der Staat, der ungleiche Wettbewerbsbedingungen ausgleichen müsse.

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