Domino-Effekt ist die Gefahr

Was geschieht, wenn Griechenland pleite geht? Von Reinhard Nixdorf

Ein Staatsbankrott Griechenlands würde das Vertrauen in den Euro weiter erschüttern. Andere Wackelkandidaten gerieten dann tiefer in den Finanzstrudel. Foto: dpa
Ein Staatsbankrott Griechenlands würde das Vertrauen in den Euro weiter erschüttern. Andere Wackelkandidaten gerieten da... Foto: dpa

In kürzester Zeit wäre Griechenland pleite, wenn EU, Internationaler Währungsfonds und Europäische Zentralbank (EZB) die zugesagten Hilfskredite stoppen, wie sie dies der griechischen Regierung angedroht haben. Doch die Folgen würden auf die Gläubiger zurückwirken und in Europa und in der Weltwirtschaft einen Domino-Effekt auslösen, dessen Auswirkungen schwer abzuschätzen sind. Wenn Griechenland sich für zahlungsunfähig erklären und seinen Schuldendienst einstellen müsste, wären Verbindlichkeiten von fast dreihundertsechzig Milliarden Euro, von denen zweihundert Milliarden Euro von ausländischen Gläubigern gehalten werden, weitgehend verloren. Die Regierung in Athen könnte versuchen, aus der Euro-Zone auszutreten, die Drachme wieder einführen und sie gegenüber dem Euro drastisch abzuwerten. Dann könnte der griechische Staat durch Anwerfen der Notenpresse die Löhne und Renten bezahlen, mit dem zusätzlichen Geld Lücken im Haushalt decken und die Banken stützen. Außerdem könnte er durch den günstigeren Wechselkurs der Drachme die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft steigern, da sich griechische Produkte im Ausland drastisch verbilligten.

Doch die griechische Wirtschaft ist schwach, ihre Produktivität gering. Und die Handlungsfreiheit, die eine Wiedereinführung der Drachme den Griechen gäbe, wäre nur von kurzer Dauer, schon weil das griechische Bankensystem kollabieren würde: Die griechischen Bürger würden die Banken stürmen, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen, stattdessen Euro-Bargeld halten oder Konten im Ausland einrichten. Die Athener Regierung könnte darauf mit einem Verbot der Ausfuhr von Geld in andere Länder reagieren oder mit Obergrenzen, die festschreiben, wie viel Geld wöchentlich abgehoben werden darf. Den Wertverlust der Drachme würde dies nicht bremsen, schon da sie zum Bezahlen von Importgütern, die sich drastisch verteuern würden, wohl kaum noch akzeptiert würde: Viele Geschäfte würden auf der Zahlung mit Euro oder Dollar bestehen. Euro oder Dollar würden sich als inoffizielle zweite Währung in Griechenland etablieren. Analog zu den Intershops in der DDR müsste der griechische Staat „Euro-Shops“ einrichten, um Euros abzusaugen: Eine Zweiklassengesellschaft von Euro-Besitzern und Nicht-Besitzern würde entstehen, die Krise sich mit galoppierender Inflation und geringem Wirtschaftswachstum fortsetzen.

Wie groß die Ansteckungsgefahr ist, die von einem Kollaps Griechenlands ausgehen könnte, ließ sich am Donnerstag an den Anleihemärkten beobachten. Italienische Staatsanleihen waren so wenig wert wie noch nie: Investoren verlangten für die Schuldpapiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren zwischenzeitlich eine Rendite von 6,402 Prozent. Die Gefahr besteht in Befürchtungen, nach einem Kollaps Griechenlands könnten es auch die übrigen Krisenstaaten Italien, Spanien, Portugal und Irland nicht mehr schaffen, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen: Um sich dagegen zu wappnen, werden Anleger höhere Zinsen für Anleihen verlangen. Italien etwa benötigt 2012 bis 2014 insgesamt 956 Milliarden, Spanien 453 Milliarden Euro. Angesichts solcher Summen kann jeder Prozentpunkt mehr, den diese Länder für Zinsen bezahlen müssten, gefährlich werden.

Zwar wäre eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands vor allem für seine eigenen Banken katastrophal, zu Erschütterungen könnte es aber auch in Europa und in der Weltwirtschaft kommen. Denn vor allem die im Ausland platzierten und in Euro notierten Anleihen wären vom Ausfall bedroht. Nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hatten ausländische Banken gegenüber Griechenland Mitte 2011 Forderungen von etwa hundert Milliarden Euro. Darüber hinaus schulden private griechische Emittenten (vor allem Banken) ausländischen Gläubigern rund 155 Milliarden Euro. Verbindlichkeiten in Höhe von 110 Milliarden Euro in Form inländischer Anleihen kommen hinzu. Fallen diese Anleihen und Kredite aus, würden die Kernkapitalquoten der 90 Banken, die am EU-weiten Stresstest teilgenommen haben, nach Schätzungen der Commerzbank im Schnitt deutlich auf 8,6 Prozent sinken. „In der Summe würden die Banken im Euro-Raum dies wohl verkraften“, schreiben Analysten, „auch, wenn es sehr schmerzhaft wäre.“ Dies würde aber nicht mehr gelten, wenn auch die übrigen Krisenstaaten ins Schlingern geraten.

Für Deutschland wäre ein Ausfall Griechenlands zunächst einmal nicht dramatisch – gäbe es nicht die Gefahr eines Domino-Effekts. Deutsche Banken sind in Griechenland nominell mit zwölf Milliarden Euro engagiert, haben einen Großteil ihrer Kredite und Staatsanleihen aber mittlerweile abgeschrieben. Hinzu kommen 13,5 Milliarden Euro an direkten Krediten, die Deutschland im Rahmen der bisherigen Hilfsprogramme gewährt hat. Weitere Kosten sind durch Deutschlands Beteiligung an der EZB möglich. Würden aber auch Spanien und Italien ins Straucheln geraten und als Zahler in den europäischen Rettungsfonds ausfallen, kämen höhere finanzielle Belastungen auf Deutschland zu: Die stärkste Volkswirtschaft Europas müsste mit höheren Beteiligungen an den Rettungsfonds rechnen.

Damit steht die Gefahr im Raum, dass eine Erosion des europäischen Währungsraums und milliardenschwere Belastungen für seine soliden Mitgliedsländer eine Rezession in Europa auslöst. Damit etwa der Hebel für den Rettungsfonds funktionieren kann, müssen private Investoren europäische Staatsanleihen kaufen. Gäbe es weltweit Zweifel an der Stabilität des Euro, wäre die Neigung, in Europa zu investieren, weit geringer. Auch der Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jan Hatzius, warnte dieser Tage gegenüber dem Berliner „Tagesspiegel“ vor einer Eskalation der Euro-Schuldenkrise. Sollten die Probleme der Europäer aus dem Ruder laufen, könne dies auch in den Vereinigten Staaten eine Rezession auslösen – obwohl Amerika nur etwa zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts nach Europa exportiere.