Politik

Die geistigen Väter der Idee

Christliche Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft – Teil VIII: Walter Eucken und Alfred Müller-Armack waren wichtige Ratgeber von Ludwig Erhard. Von Thomas Dörflinger

Alfred Müller-Armack
Alfred Müller-Armack. Foto: dpa

Die christlichen Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft sind vielschichtig. Sie liegen in der kirchlichen Soziallehre ebenso wie im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Noch während des Krieges überlegen Wissenschaftler, die teils mit Lehrverbot belegt sind, wie die staatliche und wirtschaftliche Ordnung in Deutschland nach der Überwindung des Hitler-Regimes aussehen könnte. Diese Gedanken treiben die Freiburger Schule um, ein Zusammenschluss von Ökonomen, die auf Bitte des Theologen Dietrich Bonhoeffer schon in den 1940er Jahren hierzu eine Denkschrift verfasst. Walter Eucken ist der maßgebliche Kopf der Gruppe in Freiburg; zusammen mit den Arbeiten Alfred Müller-Armacks entsteht so die Basis für die Politik Ludwig Erhards in der jungen Bundesrepublik.

1891 in Jena geboren, studiert Walter Eucken Rechts- und Staatswissenschaft, Volkswirtschaft und Geschichte. Nach Stationen in Berlin und Tübingen lehrt er ab 1927 in Freiburg. Die von Eucken zusammen mit Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth gegründete Freiburger Schule denkt ökonomisch einerseits zwischen wirtschaftlichen Aktivitäten, denen eine möglichst hohe Freiheit einzuräumen sei und andererseits der Rolle des Staates, der sich auf die Gestaltung der Rahmenordnung zu konzentrieren habe. Die Freiburger Schule ist daneben aber auch die Widerstandsgruppe innerhalb der Hochschule gegen die NS-Universitätsverfassung, die der dortige Rektor Martin Heidegger vorantreibt.

Alfred Müller-Armack, Jahrgang 1901, ist Religionssoziologe und Ökonom. Seine Rolle im Nationalsozialismus ist widersprüchlich. Einerseits zeigt sein 1936 erschienenes Buch „Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich“ deutliche Systemtreue, andererseits zeigen seine späteren Arbeiten, noch während der NS-Zeit, ebenso wie seine Kontakte zur Freiburger Schule Distanzierung. Schon in den Vorstudien zu seinem 1947 publizierten Werk „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ sind deutlich die Grundzüge dessen erkennbar, was er nach Gründung der Bundesrepublik lehren und umsetzen wird.

Auch wenn Eucken und Müller-Armack gelegentlich in einem Atemzug als Väter der Sozialen Marktwirtschaft genannt werden, sind ihre Ansätze mindestens im Anfang unterschiedlich. Während Walter Eucken den Markt an und für sich durch vollständigen Wettbewerb und freie Preisbildung in einem vorgegebenen staatlichen Ordnungsrahmen als Voraussetzung für die weitgehende Herstellung sozialer Gerechtigkeit begreift, besteht Müller-Armack nicht von ungefähr darauf, dass seine Wortschöpfung „Soziale Marktwirtschaft“ mit einem großen „S“ zu schreiben ist. Der Markt müsse zwar frei sein, bedürfe aber eines staatlich zu setzenden Rahmen, der auch sozialpolitische Ziele beinhaltet. In seinem religionssoziologischen Werk „Das Jahrhundert ohne Gott“ analysiert Müller-Armack 1948 den Nationalsozialismus und folgert, dass eine künftige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung so beschaffen sein müsse, dass sie das Aufkommen von Ersatzreligionen unmöglich mache. Ähnliches liest man in der Denkschrift „Die Stunde Null“ der Freiburger Schule bereits 1943/44. Zwar könne keine Wirtschaftsordnung die Macht des Bösen in der Welt beseitigen, sie müsse aber so gestaltet sein, dass sie dem Ziele dient, dieser Macht zu widerstehen, also den göttlichen Geboten, namentlich dem Dekalog entsprechen. Und weiter: „Bei der Ausarbeitung von Vorschlägen und Forderungen für die künftige Wirtschaftsordnung leiten uns Richtschnüre und Verbote, die sich nach unserem Glauben aus Gottes Wort für die Wirtschaft und ihre Ordnung ergeben, die also die Kirche vertreten kann und muss.“ Beiden, Eucken wie Müller-Armack, ist also eigen, dass sie ihre Gedanken aus einer christlichen Grundüberzeugung heraus entwickeln.

Mit christlichem Geist erfüllen

Walter Eucken
Walter Eucken. Foto: Eucken Institut

Während Walter Eucken zeit seines Lebens Wissenschaftler bleibt und die Veröffentlichung seines Standardwerks „Grundzüge der Wirtschaftspolitik“ bedingt durch seinen Tod 1950 nicht mehr erlebt, folgt AlMüller-Armack dem Ruf Ludwig Erhards und geht in die Politik. Er wird 1952 zunächst Leiter der Grundsatzabteilung im Wirtschaftsministerium, ist federführend bei der Verhandlung der Römischen Verträge beteiligt und wird später dort Staatssekretär und zuständig für europäische Fragen. Als er 1963 nach dem Koalitionsaus aus dem Staatsdienst ausscheidet, widmet er sich wieder der Wissenschaft. Da Müller-Armack die Soziale Marktwirtschaft als einer „permanenten Veränderung zugänglich“ beschreibt, folgt er seiner eigenen Überlegung, wenn er sie zum gesellschaftspolitischen Leitbild weiterentwickeln und letztlich auch institutionalisieren möchte. Seine Begründung: „Wirtschaftsordnung, Gesellschaftsordnung und politische Ordnung stehen in einem unlöslichen Zusammenhang.“ Eine Wirtschaftsordnung speise sich nicht alleine aus ökonomischen Kriterien, sondern sie bedürfe einer geistigen Formung. Im Herbst seines Wirkens blickt Müller-Armack skeptisch auf die politische Entwicklung und will sogar ein Scheitern der Sozialen Marktwirtschaft nicht ausschließen. Es mache keinen Sinn, so diagnostiziert er Mitte der 70er Jahre, den Gewinn zu verteufeln, ohne dessen ökonomische Funktion anzuerkennen. Soziale Marktwirtschaft muss für ihn mit christlichem Geist erfüllt werden, sie dürfe aber nicht selbst als christlich bezeichnet werden, da sie „unter irdischem Gericht und in irdischer Unzulänglichkeit“ stehe.

 

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