Die Wohlstandsikone Ludwig Erhard

Christliche Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft – Teil IX: Ludwig Erhard. Von Thomas Dörflinger

Bundespräsident besucht Ludwig-Erhard-Zentrum
Schon zu Lebzeiten eine Legende: Ludwig Erhard. Foto: dpa

Der runde Mann mit der Zigarre ist das Synonym schlechthin für das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 50er und 60er Jahren genießt außer Konrad Adenauer kein Politiker eine solche Popularität wie er. Gegen alle Widerstände, auch in der eigenen Partei, boxt er die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung durch. „Wohlstand für alle“, auf diese einfache Formel bringt er seine Vorstellungen auch als Bestseller auf den Markt. Als Wirtschaftsminister ist Ludwig Erhard erfolgreich, als Kanzler weniger.

Erhard wird 1897 im fränkischen Fürth in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren. Die Ökumene liegt quasi in seiner Familie, denn der Vater ist katholisch, die Mutter evangelisch. Nach Schule und Lehre wird er noch als junger Mann eingezogen und verlässt das Militär kurz vor Kriegsende mit einer schweren Verwundung. Als Offiziersanwärter entlassen, ermöglicht ihm dies trotz fehlenden Abiturs das Studium der Betriebs- und Volkswirtschaft.

Da die Übernahme des elterlichen Geschäfts scheitert, arbeitet Erhard nach seiner Promotion an verschiedenen wirtschaftsnahen Instituten, wo er sich mit Markt- und Industrieforschung beschäftigt. „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung“ betitelt er eine Studie aus 1944, in der er seine wirtschafts- und währungspolitischen Vorstellungen für die Nachkriegszeit skizziert; sie macht ihn über die Kreise der Wissenschaft hinaus bekannt und darf auch als Grund gewertet werden, dass die Besatzungsmächte nach 1945 auf ihn aufmerksam werden, zumal er als aus der NS-Zeit unbelastet galt.

Dank der Unterstützung der FDP steigt er nach dem Krieg zum Direktor Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes und damit faktisch zum Wirtschaftsminister der Bi-Zone auf. Man würde heute von einer klaren Kompetenzüberschreitung sprechen, als Ludwig Erhard in dieser Funktion 1948 nicht nur die Währungsreform vorbereitet und durchzieht, sondern auch die Preisbindung aufhebt, was die US-Besatzer so nicht geplant hatten. Die heute gern gesehenen Fernsehbilder von Schaufenstern, die sich über Nacht füllten, sind allerdings nur ein Teil der Realität. Die drastische Reduzierung der Geldmenge hat nicht wenige Insolvenzen zur Folge, kurzzeitig wird ein Generalstreik vollzogen, und Marion Gräfin Dönhoff warnt vor dem Mann „mit seinem absurden Plan“.

Gedanklich steht Ludwig Erhard nahe bei Walter Euckens Freiburger Schule und gilt als ordoliberal. Dass die Soziale Marktwirtschaft letztlich so etabliert wird wie bekannt, und damit in Teilen entgegen der ursprünglichen Vorstellungen Erhards, ist einerseits Konrad Adenauer zuzuschreiben. Der CDU-Vorsitzende braucht den prominenten Protestanten Erhard, um seine Partei konfessionsübergreifend zu etablieren. Noch im Ahlener Programm 1947 zeigt sich die CDU gegenüber planwirtschaftlichen Ansätzen offen; unter dem Einfluss von Erhard nahestehenden Autoren rückt die Partei mit den Düsseldorfer Leitsätzen 1949 deutlich in Richtung Marktwirtschaft. Erhard selbst zieht später eine durchwachsene Bilanz: „Ich habe als Bundesminister 80 Prozent meiner Kraft dazu verwenden müssen, gegen ökonomischen Unfug anzukämpfen, leider nicht durchweg mit Erfolg.“