„Die Krise in Amerika ist noch nicht im Griff“

Europa und die Rezessionsgefahren wegen der Finanzkrise – Ein Gespräch mit dem ifo-Präsidenten Hans Werner Sinn

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten weiten sich aus. Das Vertrauen in das Bankensystem ist erschüttert. Es gibt ernsthafte Sorgen über eine systemische Bankenkrise. In Washington greift man jetzt zu rabiateren Mitteln, die an die Weltwirtschaftskrise vor achtzig Jahren erinnern. Nackte Panik herrschte vergangene Woche an den Börsen der Welt. Der frühere Chef der amerikanischen Notenbank Alan Greenspan hat die jetzige Krise als die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. „Neue Krise, alte Angst“ – „Hektische Aktionen zur Rettung von Großbanken“ – so oder ähnlich lauteten auch die Schlagzeilen auf den ersten Seiten der großen Zeitungen in Deutschland. Nun weiß man seit Ludwig Erhard, Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie. Hat sich der Anteil jetzt erhöht? Oder steckt das globale Finanz- und Wirtschaftssystem tatsächlich in einer tiefen Krise, von der man nicht weiß, ob sie nicht in einem großen Crash wie 1929/30 endet?

Angesichts solcher Unwägbarkeiten ist Sachverstand gefragt. Für Professor Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts in München, ist der Einbruch des DAX kein Indiz für eine größere Krise in Europa. „Wir werden im Moment noch etwas verschont“, meint er im Gespräch mit dieser Zeitung. Denn das Phänomen sei zwar auf den Finanzmärkten vorhanden, „aber in der realen Ökonomie eben noch nicht. Da muss man strikt trennen.“ Allerdings, so Sinn, gebe es Ansteckungswege. Der eine sei, dass „europäische Institute amerikanische Wertpapiere gekauft haben aus dem Bereich dieser Mortgage Backed Securities“. Das seien, vereinfacht gesagt, „letztlich so etwas wie Pfandbriefe oder Forderungen, die durch Hypothekenkredite abgesichert sind. Dass diese Pakete jetzt zum Teil nicht zurückgezahlt werden, ist das Problem. Und wer als deutsche Bank da involviert ist, der muss halt abschreiben“.

Sinn: Die Finanzkrise schlägt auf die reale Wirtschaft durch

Deutschland treffe das aber nur teilweise, denn „die Privatbanken waren klug genug, sich da nicht zu beteiligen“. Beteiligt hätten sich „die deutschen Staatsbanken: die Sachsen-LB, die West-LB und die Bayern-LB. Die haben nun riesige Abschreibungsverluste hinzunehmen und dafür muss jetzt der Steuerzahler aufkommen“. Das bedeute jedoch „nicht, dass eine Systemkrise in Deutschland droht. Diese Krise droht aber in Amerika, denn die amerikanischen Banken hängen natürlich voll drin“. In Amerika müssten nun mehrere „Opfer der Krise“ gestützt werden, um einen Kollaps größeren Ausmaßes zu verhindern.

Sicher könne sich Europa oder Deutschland deshalb aber nicht wähnen. Denn die Finanzkrise schlage auf die reale Wirtschaft durch und das betreffe dann auch Europa. Sinn: „Ich halte das mittlerweile für wahrscheinlich, denn die Hauspreise in Amerika sind doch seit eineinhalb Jahren sehr stark, teilweise um mehr als die Hälfte gefallen. Das sind dramatische Entwicklungen. Das bedeutet, wenn die Leute das Gefühl haben, dass sie ärmer werden, weil ihre Häuser nicht so viel wert sind, ferner eben auch Kredite nicht verlängern können, dass sie dann anfangen müssen, den Gürtel enger zu schnallen. Die amerikanischen Konsumenten werden also weniger konsumieren und das hat einen stark negativen Effekt auf die amerikanische Konjunktur bis hin zur Möglichkeit der Rezession.“

Noch sei es nicht soweit. Eine Rezession sei gegeben, „wenn hintereinander in drei Quartalen die Wachstumsrate negativ ist. Das muss man in der Tat für dieses Jahr befürchten. Das hat dann natürlich Einfluss auf die Weltkonjunktur. Amerika hat einen Anteil von 28 Prozent am Weltsozialprodukt und es gilt noch immer der Satz ,wenn die Amerikaner husten, kriegt die Welt einen Schnupfen‘. Dazu gehören auch wir in Deutschland“.

Der Ifo-Präsident spricht sich aber trotz dieser Gefahren gegen eine Senkung des Zinssatzes der Europäischen Zentralbank aus, um indirekt – über billigere Kredite – den Binnenkonsum anzukurbeln. Die EZB könnte den Zinssatz jetzt senken. Sinn rät davon ab. „Ich würde das jetzt noch nicht machen. Ich würde mein Pulver nicht frühzeitig verschießen, sondern erst mal abwarten, wie die Ansteckungswege verlaufen. Wenn die europäische Konjunktur tatsächlich einbrechen würde, dann wäre es Zeit. Aber im Moment sehe ich das noch nicht wirklich. Der Aufschwung der Weltwirtschaft vor fünf Jahren begann in Amerika und pflanzte sich dann so allmählich fort. Mit eineinhalb Jahren Verzögerung sind auch wir angesteckt worden. Ich glaube beim Abschwung wird das so ähnlich sein. Es ist noch nicht soweit!“ Auch seien die Möglichkeiten selbst der Notenbanken beschränkt. Sie können zwar billiges Geld zur Verfügung stellen und „damit verhindern, dass die Banken sich nicht mehr refinanzieren müssen. Aber das Hauptproblem ist: durch die Abschreibungen entsteht ein Eigenkapitalverlust. Den kann die Notenbank in der Regel nicht wirklich kompensieren, jedenfalls nicht durch niedrigere Zinsen. Wenn Banken weniger Eigenkapital haben, dann müssen sie auch ihre Ausleihungen an Krediten an die Privatwirtschaft reduzieren, denn beides steht in einer festen Proportion zueinander. Das wiederum hat dann einen negativen Effekt auf die privaten Investitionen“.

Von einer Abschottung oder einschneidenden protektionistischen Maßnahmen hält Sinn nicht viel. Das sei in einer globalisierten Welt nicht realistisch. „Wir sind total verwoben in dieser Welt durch Außenhandelsverflechtungen. Europa verkauft, selbst wenn man die internen Ströme rausrechnet, netto ein Viertel seiner Exporte ins Ausland. Vom Sozialprodukt wird ein Viertel ins Ausland verkauft. Damit sind wir extrem stark abhängig von dem, was im Rest der Welt passiert. Das kann man ja gar nicht zurückdrehen. Dann müssten wir letztlich auf die Arbeitsteilung verzichten und das würde erhebliche Wohlstandseinbußen bedeuten“.

Im Moment bleibe nichts weiter übrig als erst einmal abzuwarten, wie die Amerikaner weiter verfahren, um die Krise zu managen. Das Ende der Immobilienkrise, die zu den Turbulenzen an den Finanzmärkten und Börsen geführt hat, sei jedenfalls noch nicht absehbar. „Die Hauspreise sind nach wie vor im freien Fall begriffen. Am aktuellen Rand fallen sie immer weiter und die Krise ist noch nicht im Griff.“