Die Krise der Familien und die „Logik des Marktes“

Soziale und wirtschaftliche Perspektiven im Abschlussbericht der Familiensynode. Von Benjamin Leven

Zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit wirkt sich auf Ehen und Familien aus. Foto: dpa
Zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit wirkt sich auf Ehen und Familien aus. Foto: dpa

„Wie kann die Kirche ihre Sexualmoral dem modernen Zeitgeist anpassen?“ So umschrieb die „Bild“ die Fragestellung der außerordentlichen Bischofssynode über die „pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“, die vom 5. bis zum 19. Oktober in Rom stattfand. Tatsächlich entstand in der öffentlichen Diskussion bisweilen der Eindruck, bei der Synode werde mit fünfzig Jahren Verspätung die „sexuelle Revolution“ nachgeholt. Ein Blick in den Abschlussbericht der Synode zeigt jedoch ein anderes Bild: Auch 2014 sehen die katholischen Bischöfe in der Familie aus Mann, Frau und Kindern die „Keimzelle des menschlichen Zusammenlebens“ – und sie schildern die Bedrohungen, denen sie weltweit ausgesetzt ist. Für die Krise der Familien machen sie nicht nur die Kultur des Individualismus verantwortlich, sondern auch die zunehmende wirtschaftliche und politische Unsicherheit. Einmal mehr verbindet sich im Pontifikat von Papst Franziskus die Kulturkritik mit der Kritik an Wirtschaft und Politik.

Die Sichtweise der Synode ist global: Die Familie sei weltweit durch Krieg, Terrorismus und organisierte Kriminalität bedroht, heißt es in der Relatio synodi, dem Abschlussbericht der Synode. In den Peripherien der Großstädte wachse das Phänomen der „Straßenkinder“. Armut, Beschäftigungsunsicherheit und hohe steuerliche Belastungen ermutigten junge Menschen nicht gerade, die Ehe einzugehen. Es sei darum Aufgabe des Staates, entsprechende rechtliche Bedingungen zu schaffen und junge Menschen bei einer Familiengründung zu unterstützen. Stattdessen existiere in vielen Staaten aber eine familienfeindliche Gesetzgebung. Die Logik des Marktes nehme einen „ausufernden Raum“ ein.

Für Peter Schallenberg, Sozialethiker und Moraltheologe in Paderborn, liegt die Synode hier mit ihrer Analyse richtig. „In vielen Ländern dieser Welt ist Armut in der Tat ein Faktor, der das Familienleben extrem beeinträchtigt. Denken wir nur an die entsetzlichen Arbeitsbedingungen von Frauen und Kindern in Bangladesch oder Pakistan“, hebt Professor Schallenberg gegenüber dieser Zeitung hervor. Hierzulande seien die Probleme anders gelagert: „Bei uns besteht die Gefahr, dass Männer und Frauen lediglich als Objekte des Arbeitslebens betrachtet werden und das Familienleben dabei unter die Räder gerät.“ Für Schallenberg geht es darum, die Familie wieder als „eigenständigen Ort der Sinnerfüllung“ anzuerkennen. Hier sei nicht zuletzt der Gesetzgeber gefragt.

Wirtschaftliche Ursachen vermuten die katholischen Bischöfe auch hinter der Tatsache, dass nicht wenige Paare zusammenleben ohne zu heiraten. Vielen Paaren fehle es an Arbeit und einem festen Einkommen zur Existenzsicherung. In einigen Ländern werde darum die Eheschließung als eine Art Luxus angesehen. Hinzu komme eine „institutionenfeindliche Mentalität“, die vor endgültigen Bindungen zurückschreckt.

Mehrfach spricht der Abschlussbericht den Geburtenrückgang an. Dieser schwäche den sozialen Zusammenhalt, schädige die Beziehung zwischen den Generationen und lasse die Zukunft in einem unsicheren Licht erscheinen. Es drohten Verarmung und Hoffnungslosigkeit. Dies gehe nicht zuletzt auf das Konto globaler politischer Akteure der „reproduktiven Gesundheit“ sowie der Biotechnologie. Zudem existiere eine „Mentalität, die die Weitergabe des Lebens zu einer Variable der individuellen und gemeinsamen Planung“ reduziert. Das Frau-Sein werde oftmals diskriminiert und das „Geschenk der Mütterlichkeit“ nicht als Wert angesehen, sondern bestraft.

Auch die steigende Zahl der Scheidungen bereitet den Bischöfen Sorge. Hier sieht das Synodenpapier vor allem psychologische und kulturelle Ursachen, wie das Umsichgreifen einer „unreifen und narzisstischen Emotionalität“. Viele Paare blieben in den frühesten Stadien der sexuellen und emotionalen Entwicklung stehen. Mit Sorge erfüllen die Synodenväter die durch das Internet beförderte Verbreitung von Pornografie und die Kommerzialisierung des Körpers sowie die Prostitution.

Für „völlig inakzeptabel“ halten es die Synodenväter, dass internationale Organisationen ihre Unterstützung armer Länder an die Bedingung knüpfen, dass sie die Homo-„Ehe“ einführen. Eine ähnliche Passage existierte bereits im viel diskutierten Zwischenbericht der Synode. Dort war die Rede von Bestimmungen, die von der „Gender-Ideologie“ inspiriert sind.

Die Synode beschreibt Krisensymptome. Doch es gibt auch positive Signale. In den Shell-Jugendstudien steigt von Mal zu Mal die Wertschätzung der Familie. Mehr als drei Viertel der Jugendlichen glauben, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich sein zu können, heißt es in der Shell-Studie von 2010. Der Wunsch nach Kindern nimmt ebenfalls zu – auch unter jungen Männern. 69 Prozent der Jugendlichen wünschen sich eigenen Nachwuchs. Peter Schallenberg sieht darum keinen Grund zur Schwarzmalerei. Entscheidend ist für ihn aber, dass ein Kinderwunsch auch umgesetzt werden kann. „Politik und Gesetzgebung dürfen nicht nur den Wünschen der Wirtschaft nach mehr Mobilität und Flexibilität nachkommen, sondern müssen auch die Bedürfnisse der Familien berücksichtigen.“