„Die Gebrechlichen Fünf“

Starker Kapitalabfluss setzt Währungen der Schwellenländer unter Druck. Von Reinhard Nixdorf

Die amerikanische Notenbank (FED) fährt ihre lockere Geldpolitik zurück. Im Bild: Janet Yellen, die neue FED-Chefin. Foto: dpa
Die amerikanische Notenbank (FED) fährt ihre lockere Geldpolitik zurück. Im Bild: Janet Yellen, die neue FED-Chefin. Foto: dpa

,,Wie ein Staubsauger“ zögen langfristig steigende Zinsen in den Vereinigten Staaten ausländisches Kapital aus der Volkswirtschaft seines Landes und weiterer Staaten: So beschrieb der Präsident der brasilianischen Zentralbank, Alexandre Tombini, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos den Effekt, durch den die Währungen seines Landes und weiterer Schwellenländer neuerdings gehörig unter Druck geraten sind.

Jedes Jahr werden etwa tausend Milliarden von den Industrieländern in die Schwellenländer gepumpt. Ein Teil ist langfristig angelegt: Es sind Anlageinvestitionen und Entwicklungshilfe. Der andere Teil ist kurzfristig angelegt, um höhere Zinsen zu kassieren, kann schnell zurückgeholt werden und ist damit sehr volatil.

Für Anleger waren Schwellenländer ein paar Jahre der Hit: Banken und Fondsmanager rieten zu Investitionen in Brasilien, Russland, Indien, Südafrika und überall sonst, wo die Wirtschaft eines Landes an der Schwelle zur Industrialisierung steht. Lange Jahre funktionierte das für alle: Schwellenländer profitierten vom Geld aus dem Ausland und zahlten den Anlegern höhere Zinsen, als diese sich in Europa und den Vereinigten Staaten erträumen durften. Doch seit Sommer 2013 fliehen die Investoren aus den Schwellenländern und bringen deren Finanzmärkte und Währungen ins Trudeln. Schon ist unter Bankern und Investoren von den ,,Fragile Five“ die Rede, den ,,Zerbrechlichen“, mitunter sogar den ,,Gebrechlichen Fünf“. Gemeint sind Südafrika und die Türkei, Brasilien, Indien und Indonesien.

Aber was ist passiert? Die amerikanische Notenbank, die Fed, fährt ihre lockere Geldpolitik zurück. Um der Wirtschaft nach der Finanzkrise aufzuhelfen, hielt sie die Zinsen lange Zeit tief und schwemmte die Kapitalmärkte mit billigem Geld. Wenn aber ,,alle Brünnlein fließen“, ist für jedes Investitionsobjekt auf der Welt Geld da – vor allem wenn, wie in Schwellenländern, hohe Zinsen locken. Jetzt erholt sich die Konjunktur in den Vereinigten Staaten und die Fed fährt ihre lockere Niedrigzinspolitik zurück: Für Investoren bedeutet dies steigende Zinsen und das Signal, dass es sich wieder lohnt, Geld in den USA anzulegen. Schwellenländer dagegen werden kritischer betrachtet: So verlor die indonesische Rupiyah 2013 gegenüber dem US-Dollar über zwanzig Prozent ihres Wertes. Ähnlich erging es der türkischen Lira. Der erste Schlag war die Ankündigung der amerikanischen Notenbank, Liquidität aus dem Markt zu nehmen. Dann stabilisierte sich die Lira. Als es aber in der Türkei politisch kriselte, geriet die Lira von neuem unter Druck.

Natürlich reagieren die Schwellenländer: Sie erhöhen ihre Zinsen in der Hoffnung auf die Rückkehr der Investoren. Die Türkei etwa hat ihre Notenbankzinsen von 4,5 auf zehn Prozent mehr als verdoppelt. Ein zweischneidiges Schwert: Wird damit überhaupt neues Kapital angelockt, ist es kurzfristiges Kapital, das Zinsdifferenzen ausnutzen will, nicht langfristig angelegtes Kapital, um Infrastruktur und nachhaltige Entwicklung zu finanzieren. Und: Gerade für den, der kurzfristig Kredite braucht, ist diese Zinsverdoppelung fatal: Denn die Kredite haben sich quasi über Nacht verteuert: Das ist Gift für die Konjunktur.

Für die einstigen Hoffnungsträger kommt es also knüppeldick. Höhere Zinsen würgen ihr Wachstum ab. Aber auch für Unternehmen, die dorthin exportieren, könnte es schwierig werden: Ihre Waren werden zu teuer. Kaltes Blut brauchen aber auch Anleger. Sie können sich zwar auf höhere Zinsen freuen, müssen aber auch auf ein höheres Risiko gefasst sein.

Vieles erinnert an die Asien- und die Argentinienkrise in den neunziger Jahren. Sind die Schwellenländer verurteilt, periodisch Opfer von Währungsturbulenzen zu werden? Jürgen Matthes, Teamleiter Internationale Wirtschaftsordnung am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), gesteht zwar Schwankungen aufgrund der Volatilität kurzfristiger Anleihen zu, doch ziehe sehr viel Kapital aus den Ländern ab, die wirtschaftspolitische Fehler begangen hätten, sagte er der „Tagespost“. ,,Wenn etwa in Argentinien eine zweistellige Inflation herrscht, die Türkei ein hohes Leistungsbilanzdefizit aufweist und Brasilien lange Zeit versäumt hat, in seine Infrastruktur zu investieren, dann liegt es auch an den Staaten selbst, ihre Hausaufgaben zu machen und attraktiver für Investoren zu werden.“

,,Eigentlich bräuchten wir neue und bessere globale Regeln, um diese Art von Schwankungen zu reduzieren“, meint Barbara Fritz, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. ,,Schwellenländer sollten in einem größeren Maße legitimiert werden, Kapitalzuflüsse und -abflüsse zu regulieren.“ Wären also Kapitalverkehrssteuern, die die Zufuhr und den Abzug von Kapital besteuern, eine Lösung? ,,Brasilien hat das versucht und war damit nicht ohne Erfolg“, sagt Jürgen Matthes. Auch der Internationale Währungsfonds akzeptiere Kapitalverkehrssteuern bei besonders hohem Zufluss von Kapital.

Während Barbara Fritz sich auch ein proaktives Handeln der Industrieländer vorstellen kann, um Schwellenländer vor zu großen Kapitalströmen zu schützen – in der Nachkriegszeit sei etwa Investoren und Banken zur Auflage gemacht worden, Quoten von Finanzwerten zu kaufen, sodass Finanzströme schon von der Anbieterseite reguliert worden –, sieht Jürgen Matthes darin Formen der Planwirtschaft. ,,Ich weiß nicht, ob man grundsätzlich über ein neues Regelwerk nachdenken soll. Das hängt auch von den Investoren ab.“ So stünden hinter Hedgefonds Anleger, die sich auch Verluste leisten können. Anders sei es bei Pensionsfonds, die aber meist ohnehin enge Vorschriften haben, um Anlagegelder zu schützen, sodass es unterschiedliche Sparten der Investitionsbereitschaft gibt. ,,Es wäre falsch, dies zu pauschalisieren.“

Eines ist klar: Auch die Vereinigten Staaten sind daran interessiert, dass die Schwellenländer als Absatzmärkte erhalten bleiben. Zuviel sollten die Schwellenländer davon aber nicht erwarten. Mandat der amerikanischen Notenbank ist die US-amerikanische Volkswirtschaft, nicht die Weltwirtschaft – auch wenn der US-Dollar Welt-Leitwährung ist. Die Schwellenländer sind gut beraten, ihre Strukturprobleme zu lösen und attraktiver für Investoren zu werden.