Der Affenfelsen trotzt dem poltischen Sturm

Nach dem Brexit steht Gibraltar auch wirtschaftlich vor einem ungewissen Schicksal. Von Robert Luchs

Historischer Spanien-Besuch in Gibraltar
Nicht nur eine Touristenattraktion: freilaufende Berberaffen auf Gibraltar. Foto: dpa
Historischer Spanien-Besuch in Gibraltar
Nicht nur eine Touristenattraktion: freilaufende Berberaffen auf Gibraltar. Foto: dpa

Die Berberaffen hoch oben auf dem Felsen kratzen sich, auch wenn sie das heftige Tauziehen um das Schicksal Gibraltars nicht juckt. Und die Touristen aus aller Welt fahren weiterhin in Kleinbussen auf die schwindelerregende Anhöhe, von wo aus der Blick weit nach Afrika hineinreicht. Die jüngsten politischen Querelen nehmen sie nur am Rande wahr. Umso mehr sind die Politiker, seien es Spanier oder Briten, mit dem Schicksal des felsigen Landzipfels im äußersten Süden der iberischen Halbinsel beschäftigt.

Denn Großbritannien muss in seinen bevorstehenden EU-Austrittsverhandlungen nicht nur um Schottland bangen, sondern auch um Gibraltar. Spanien will den britischen Außenposten nämlich zum Thema der Brexit-Gespräche machen. Die spanische Flagge werde innerhalb von vier Jahren über dem Affenfelsen wehen, sagte Außenminister Jose Manuel Garcia-Margallo.

Die Bevölkerung Gibraltars hatte sich beim Brexit-Referendum im Juni mit überwältigender Mehrheit für einen Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen. Mit dem Vereinigten Königreich werde aber auch Gibraltar aus der EU ausscheiden, betonte der spanische Chefdiplomat. Verhindern ließe sich das nur, wenn Gibraltar zu einem Kondominium von Großbritannien und Spanien werde.

Die britische Regierung will spätestens bis März 2017 den EU-Austrittsantrag stellen. Damit beginnt eine Frist von zwei Jahren, innerhalb derer sich beide Seiten darauf verständigen müssen, wie ihre Beziehungen künftig aussehen sollen. Spanien kann in diesen schwierigen Verhandlungen, wie auch andere EU-Staaten, ein Veto einlegen und somit eine Lösung verhindern. Ein ungeregelter Brexit aber würde Gibraltar als wichtigen Wirtschaftsstandort treffen.

Immerhin hat sich die Halbinsel zu einer florierenden Steueroase entwickelt, die Kaufleute und Käufer aus vieler Herren Länder anlockt. Das touristische Zentrum ist die Main Street sowie die umliegenden Straßen und Plätze, die teilweise autofrei sind.

Gibraltar, schon immer strategisch bedeutend am Eingang zum Mittelmeer gelegen, steht seit 1704 unter der Souveränität des Vereinigten Königreichs und wurde 1713 offiziell im Frieden von Utrecht abgetreten. Unter dem Diktator Franco versuchte Spanien, das Gebiet mit Verkehrsblockaden zurückzugewinnen, was sich aber als kontraproduktiv erwies. London gestand im Lauf der Jahre den lokalen Behörden schrittweise Selbstverwaltungsrechte zu, um die Bevölkerung an sich zu binden.

Habe London erst einmal den Austrittsantrag gestellt, dann „werden sich die Dinge überschlagen. Je schneller man das löst, umso besser“, meint Außenminister Garcia-Margallo. Für die Bewohner Gibraltars werde es dann nur zwei Möglichkeiten geben: „Entweder sind sie Briten außerhalb der EU oder Spanisch-Briten innerhalb der Europäischen Union.“ Sein Vorschlag sei „eine britisch-spanische Ko-Souveränität“ für die Halbinsel, sagte Margallo. Dieser Status sollte für einen begrenzten Zeitraum gelten, der dann zur Rückgabe des britischen Gebiets an Spanien führen solle. In dieser Übergangszeit könnten die rund 30 000 Bürger Gibraltars britische Staatsbürger bleiben und eine besondere Steuerregelung behalten.

Picardo: Spanische Flagge wird nie über Gibraltar wehen

„Der Moment, in dem die spanische Flagge in Gibraltar gehisst wird, ist näher gerückt“, sagte Minister Garcia-Margallo. Der Regierungschef Gibraltars, Fabian Picardo, will davon nichts wissen. Die spanische Flagge werde „weder in vier Jahren, noch in 40, noch in 400, noch in 4 000 Jahren auf dem Felsen wehen“, betonte Picardo. Auch der Brexit werde an dieser Festlegung nichts ändern. Die überwiegend katholischen Bewohner Gibraltars hatten sich bereits in 2002 in einem Referendum fast einmütig gegen die damals schon von London und Madrid ins Auge gefasste geteilte Souveränität über das Gebiet ausgesprochen.

Eine Legende besagt, dass die britische Herrschaft in Gibraltar beendet sei, sobald der letzte Affe den Felsen verlassen habe. Dies ließ dem britischen Premierminister Winston Churchill keine Ruhe: Er ließ Berberaffen aus Marokko importieren, um den wegen Inzucht kränkelnden Affenstamm wieder zu stärken – und er hatte Erfolg.

Im Altertum galt Gibraltar als eine der Säulen des Herakles. Den Römern folgten die Westgoten, die sich der iberischen Halbinsel bemächtigten. In 711 wurde Gibraltar von den muslimischen Arabern und Berbern eingenommen. Der Name Gibraltar stammt aus dem Arabischen (Jabal Täriq, „Berg des Tarik“), nach Täriq Ibn Ziyäd, einem maurischen Feldherren, der die strategische Bedeutung Gibraltars für die Eroberung Spaniens erkannte und als erster Muslim ein Stück Spaniens eroberte.