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Denker der Freiheit

Marktwirtschaft unbedingt ja – aber sozial? Ist Friedrich August von Hayek auch ein christlich geprägter Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft? – Teil XIV

Liberaler Vordenker Friedrich von Hayek
Friedrich August von Hayek. Foto: dpa

Man mag darüber streiten, ob eine Reihe, die sich mit christlichen Vordenkern befasst, einem Mann ein Porträt widmen kann, der sich selbst als Agnostiker sieht. Andererseits ist die Bedeutung Friedrich August von Hayeks für die Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft gerade im deutschsprachigen Raum so elementar, dass man an ihm gar nicht vorbeikommt. Trotz oder gerade, weil er den Begriff „sozial“ im Zusammenhang mit Marktwirtschaft selbst ablehnt und mit Protagonisten wie Walter Eucken, Alfred Müller-Armack oder Alexander Rüstow semantisch über Kreuz liegt, hinterlässt Hayek deutliche Spuren in der Wirtschaftsgeschichte.

Widerpart von John Maynard Keynes

Friedrich August von Hayek kommt 1899 in Wien zur Welt, seine Eltern entstammen bürgerlich-akademischen Verhältnissen. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg nimmt Hayek das Studium der Rechtswissenschaft auf, beschäftigt sich daneben auch intensiv mit ökonomischen und psychologischen Themen. Die Begegnung und Arbeit mit dem Wirtschaftswissenschaftler Ludwig von Mises ist für Hayeks weiteren Weg von einschneidender Bedeutung. Ursprünglich sozialistischen Ideen nicht abgeneigt, leitet Hayek nach der zweifachen Promotion in Jura und Volkswirtschaft zusammen mit seinem Lehrer von Mises ab 1927 das von den beiden gegründete österreichische Institut für Konjunkturforschung. In ihrer Arbeit über Konjunkturzyklen und Wirtschaftstheorien liefern Hayek und Mises Gründe für eine bevorstehende globale Krise und prognostizieren den großen Crash 1929. Die Publikation findet auch auf der britischen Insel ihre Leser; mit gerade 30 Jahren erhält Hayek einen Ruf an die renommierte London School of Economics (LSE). Dort trifft er mit John Maynard Keynes einen der bedeutendsten und etablierten Ökonomen, der mit seiner nachfrageorientierten Haltung die Lehre bestimmt. Hayek und Keynes – ein spannender wissenschaftlicher Diskurs über viele Jahre.

Im Buch „Der Weg zur Knechtschaft“, das 1944 erscheint, rechnet Friedrich August Hayek ganz in der Tradition von Adam Smith mit jeglichem staatlichen Einfluss auf den Markt kategorisch ab. Jede Einmischung ziehe weitere nach sich, am Ende stünden Planwirtschaft und Diktatur. Dabei wird Hayek auch demokratietheoretisch; die Politik sei durch die Wahlrhythmen außerstande, jedem Partikularinteresse zu widerstehen; die Folge dieser Entwicklung auf der schiefen Ebene sei eine Ausweitung sowohl der Anspruchshaltung der Bevölkerung wie der staatlichen Verwaltung. Nicht zuletzt durch eine Veränderung des Wahlrechts müsse die Legislative stärker von Einflüssen von Interessensgruppen abgegrenzt werden; eine Vorstellung, die mit heutigem Demokratieverständnis schwer vereinbar scheint. Dass Hayek mit letzteren Ideen in den 1970er Jahren durch mehrere Reisen auch dem chilenischen Diktator Pinochet mindestens indirekt zuarbeitet, steht auf einem anderen Blatt.

Über die Verfassung der Freiheit

Auf Initiative Hayeks kommt es 1947 zu einem Treffen von Wissenschaftlern in der Schweiz, aus dem die „Mont Pelerin Gesellschaft“ hervorgeht, die sich der Erneuerung des Liberalismus zuwenden soll. Die Frage, wieviel Staat es denn sein dürfe, entzweit die Gelehrten aber schon in den 1950er Jahren. Auf der einen Seite die Anhänger Hayeks, darunter Ludwig von Mises und Milton Friedman, die den staatlichen Eingriff in den Markt fast prinzipiell ablehnen; auf der anderen Seite die Verfechter der mittlerweile in Deutschland etablierten Sozialen Marktwirtschaft um Walter Eucken und Wilhelm Röpcke. Die grundsätzliche Kontroverse endet schließlich im Eklat und führt zum Rückzug von Eucken und Röpcke aus der Gesellschaft. Friedrich August von Hayek bleibt bis 1960 deren Präsident.

In seinem vermutlich bekanntesten Werk „Die Verfassung der Freiheit“, das 1960 erscheint, weist Hayek dem Staat fünf zentrale Aufgaben zu: die Installation einer Rechtsordnung, die Vertragsfreiheit, Eigentum und Haftung garantiert; die Bereitstellung öffentlicher Güter, auch von Informationen für Sicherheit und Gesundheit; die Erhebung von Steuern und die Sicherung eines Mindesteinkommens. Unter bestimmten Konditionen sind für Hayek also nun beschränkte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft denkbar, freilich unter Wahrung der größtmöglichen Freiheit des Individuums – die Abkehr vom reinen Laissez-fair, auch wenn die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith bei Hayek immer noch die Feder führt. Hayeks Bedeutung ist langfristig: In den 1980er Jahren werden sich insbesondere US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher in ihren Wirtschaftspolitiken auf Friedrich August Hayek berufen. Rüdiger Vaas und Michael Blume untersuchen 2009 in ihrem Buch „Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt“ die interessante Frage, weshalb der Agnostiker Hayek selbst zu der Auffassung gelangte, dass erweiterte Ordnungen nicht ohne religiöse Anbieter auskommen.

Lebenswerk wird mit Nobelpreis gekrönt

Von 1950 bis 1962 lehrt F.A. Hayek an der Universität Chicago, um dann einen Ruf nach Freiburg anzunehmen, wo er auch bis 1970 Vorsitzender des Walter-Eucken-Instituts wird. Nach einem kurzen Intermezzo als Professor in Salzburg kehrt er in den Breisgau zurück, wo er bis zu seinem Tod weiter wirkt. 1974 erhält Friedrich August Hayek den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, tut sich allerdings mit der Verleihung etwas schwer, da sein Mit-Preisträger, der schwedische Sozialist Gunnar Myrdal, ganz in der Tradition seines einstigen Kontrahenten John Maynard Keynes steht. US-Präsident George Bush sen. verleiht Hayek 1991 die höchste zivile Auszeichnung, die „Presidential Medal of Freedom“. Friedrich August Hayek stirbt im März 1992 in Freiburg.