Würzburg

„Das Wunderkind“: Der Banker und Der Bischof

Vor 30 Jahren wurde Alfred Herrhausen ermordet. Der Deutsche Bank-Chef galt als der Philosoph unter den Managern. Was war seine geistige Prägung? Ein Interview mit Gertrud Höhler.

Attentat Alfred Herrhausen
Alfred Herrhausen (1930–1089) war seit 1988 alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Foto: dpa

Frau Professor Höhler, Alfred Herrhausen galt zu seiner Zeit als eine Ausnahme unter den deutschen Managern. Man nannte ihn den Philosophen. Was war das Besondere an ihm?

Das Ungewöhnliche an ihm war zunächst einmal, dass er, ganz anders als Banker üblicherweise, bevor er bei der Deutschen Bank eingetreten ist, ein Unternehmer war. Er war kreativ. Er wusste, dass diese Kreativität, die auch die Wirtschaft braucht, aus dem Mittelstand kommt. Dort, wo Unternehmer mit ihrer Existenz für das Unternehmen geradestehen. Die neuen Ideen werden nicht in den Großunternehmen geboren. Sondern genau dort. Und Herrhausen wusste, dass Kreativität sich in der Diskussion entwickelt. Damit ist er aber bei seinen Kollegen oft auf Unverständnis gestoßen.

"Er wollte das öffentliche Bild der Deutschen Bank zur „freundlichen Bank“ ändern.“

Er hat mir einmal dazu etwas Typisches erzählt: Er hatte eingeführt, dass er an jedem Dienstag mit dem Vorstand zusammenkam, dessen Sprecher er ja war. Dort habe er dann die Frage gestellt: „Was war in der vergangenen Woche das wichtigste Thema?“ Doch meistens hätte ihn die zwölf Männer umfassende Runde nur stumm angeschaut. Sein Fazit mir gegenüber: „Dann musste ich es wieder selbst sagen.“ Am liebsten hätte er für die Diskussionen in der Bank philosophische Qualitätsstandards eingeführt. Er wollte das öffentliche Bild der Deutschen Bank zur „freundlichen Bank“ ändern. Genau darüber wollte er mit den Kollegen diskutieren.

Wie hat sein Umfeld in der Bank auf solche für diese Branche unkonventionellen Ansätze reagiert?

Außerhalb der Bank ist er für solche Ideen bewundert worden. Ich habe erlebt, wie er etwa von Studenten an der Universität enthusiastisch gefeiert worden ist. Herrhausen war ein Hochbegabter. Er musste sich aber, wie viele hochbegabte Schüler, nicht nur gegenüber einem unverständigen Lehrer behaupten. Sondern eben auch gegenüber den Ressentiments der Kollegen. Auf sie wirkte er wie ein für sie schwer verständliches Wunderkind.

Herrhausen war getrieben von der Idee, das Wirtschaftsleben humaner zu gestalten. Er war auch Katholik. Welche geistigen Prägungen hatte er?

Meiner Erfahrung nach war der Katholizismus bei ihm keine prägende Kraft mehr. Herrhausen war kein typischer Vertreter des rheinischen Kapitalismus, der etwa durch Ideen der katholischen Soziallehre geprägt war. Er war ein Idealist. Und, so würde ich es formulieren, von seinen geistigen Prägungen her multigepolt. Er war ein Weltbürger und dachte international. Daher ja auch sein Engagement für den Schuldenerlass der Entwicklungsländer. Er war ein Anhänger von Karl Popper und dessen Idee von der offenen Gesellschaft.

Er sagte immer wieder: „Ich habe keine Zeit.“ Damit meinte er nicht, dass er jetzt gerade unter Zeitdruck stünde und diesen Termin schnell hinter sich bringen müsste. Ganz im Gegenteil: Ein Gespräch mit Alfred Herrhausen bedeutete, dass dieser seinem Gegenüber total zugewandt war. Er konnte gut zuhören. Herrhausen ruhte in sich. Mit der knappen Zeit meinte er, dass er eben nicht mehr genug Zeit hätte, seine Ziele, die er noch hatte, auch umzusetzen. Dabei ging es ihm jedenfalls nie um seine eigene Person, sondern um die Sache. Gegenüber Sicherheitsvorkehrungen war er etwa völlig gleichgültig. Das hatte fast schon etwas Fatalistisches. Er ging, da kann ich mich noch gut dran erinnern, einen Tag vor seinem Tod völlig frei, ohne Bodyguards durch die Lobby des Hotels Vier Jahreszeiten in München. Die Sicherheitsleute hatten auch dem Vorstand geraten, den Hubschrauberlandeplatz auf dem Bankgebäude zu nutzen, statt nur auf den zwei möglichen Wegen von Bad Homburg aus nach Frankfurt zu fahren. Die Kollegen hätten diesen Rat aufnehmen können.

Hat Alfred Herrhausen in der deutschen Wirtschaft mit seinem Ansatz Nachahmer gefunden? Oder ist er immer noch ein Solitär?

Es hat bis heute niemanden wie ihn gegeben. Das liegt einfach an seiner ganz besonderen Begabung. Bei ihm waren sehr viele Talente gebündelt. So eine Persönlichkeit wie ihn sehe ich auch heute nirgendwo.

Alfred Herrhausen wurde in Essen, mitten im Ruhrgebiet geboren. Die Region ist ihm zeitlebens wichtig geblieben. Und deswegen entwickelte er 1989 eine Initiative mit, die dem Revier dabei helfen sollte, den Strukturwandel besser zu meistern: den Initiativkreis Ruhrgebiet. Sein Kompagnon war dabei der Bischof von Essen. Franz Kardinal Hengsbach. Helmut Kohl, der mit Herrhausen und dessen zweiter Frau Traudl befreundet war, hat in seiner Ansprache beim Requiem im Frankfurter Dom darauf hingewiesen, wie bezeichnend dieses Engagement für Herrhausens Charakter gewesen sei: „Er kam von der Ruhr. Die Menschen, die unverwechselbare Atmosphäre dieser Landschaft blieben ihm immer vertraut. Wer ihn je erlebte – etwa im Gespräch mit dem Ruhrbischof Kardinal Hengsbach, wo es um die Frage ging: ,Was können wir tun, um dieser Region und den dort lebenden Menschen zu helfen? –, der weiß: Dies war seine Heimat.“ Kohl weist aber auch auf einen grundsätzlichen Charakterzug Herrhausens hin, der sich auch in dessen Einsatz für einen Schuldenerlass für die Entwicklungsländer zeigt: „Er war ein überaus erfolgreicher Banker – aber keiner von denen, die nur ihren Vorteil im Auge haben. Er wollte – nach seinen eigenen Worten – „die Möglichkeit haben zu gestalten.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier. hier .