„Ausgleich für Marktversagen“

Jörg Alt SJ arbeitet für die Jesuitenmission in Nürnberg im Bereich Flüchtlingsdienst und Migrationsforschung. Foto: Jesuitenmission Deutschland
Jörg Alt SJ arbeitet für die Jesuitenmission in Nürnberg im Bereich Flüchtlingsdienst und Migrationsforschung. Foto: Jesuitenmission Deutschland

Der Jesuit Jörg Alt ist ähnlich kapitalismuskritisch wie Papst Franziskus. Teil Zwei der Kontroverse über das Thema Finanzpolitik, Steuergerechtigkeit und Armut

Pater Alt, Mahatma Gandhi (sein 70. Todestag war am 30.1.2018) wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ – Wer sollte dies beherzigen?

Jeder sollte und kann es beherzigen. Am wichtigsten ist der Schritt davor: Zu realisieren, dass Geld und Konsum an sich nicht glücklich machen, und dass es die unverkäuflichen und unbezahlbaren Dinge des Lebens sind, die wir mit „Glück“ verbinden: Familie, Natur, Gesundheit, Freizeit...

Die britische Hilfsorganisation Oxfam hat in ihrem Ungleichheitsbericht aus Anlass des Davoser Weltwirtschaftsforums veröffentlicht, dass die weltweit reichsten 42 Milliardäre so viel besitzen, wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Wie kann ein solcher Hyperkapitalismus von transnationalen Unternehmen auf globaler Ebene in die Schranken gewiesen werden?

Angesichts von Trump und Brexit und dem damit einhergehenden Nationalismus und Protektionismus sowie der unverhohlenen Eigeninteresse-Politik von China bleibt eigentlich nur Europa als einflussreiche Weltregion, um entsprechende Akzente zu setzen. Aktuell dominieren aber auch in der EU die Interessen von Kapital(eignern) und Konzernen vor sozialen und ökologischen Gestaltungskriterien.

Warum sehen Sie eine freie Marktwirtschaft kritisch? Ist die Reichensteuer ein adäquates Mittel für mehr sozialen Frieden und Gerechtigkeit?

Es gibt gute Mittel und es gibt Mittel, die ergriffen werden müssen, wenn das Gute nicht möglich ist. Die ideale freie Marktwirtschaft beruht auf der Annahme, dass alle Marktteilnehmer gleiches Wissen, gleiche Ressourcen und so weiter haben. In der realen Welt realer Menschen und Unternehmen gibt es diese Gleichheit nicht, weshalb eine freie Marktwirtschaft über kurz oder lang Konzentration bei Unternehmen und Vermögen erzeugt. Deshalb sind Regeln für Märkte ebenso wichtig wie die Kapazitäten von Staaten, diese weltweit durchsetzen zu können. Natürlich wäre es besser, wenn vorhandenes Kapital sozial gerecht und ökologisch nachhaltig investiert würde, oder Löhne gezahlt würden, von denen mal leben kann. Da dies aber zugunsten der Profite oft nicht geschieht, sind Steuern, auch Reichensteuern, angemessen, damit Marktversagen etwa durch steuerfinanzierte Umverteilung oder Investitionen ausgeglichen werden kann.

An welchen Stellen in der EU-Politik müsste gearbeitet werden für mehr globale Gerechtigkeit?

Man sollte einfach nochmals die EU Geschichte und ihre Verträge durchlesen und erkennen, dass man schon auf der geltenden Rechtsgrundlage eine gemeinwohlgeleitete Politik für alle anstelle der von Lobbyisten forcierten Interessenpolitik Weniger setzen könnte. Damit dies gelingt, muss die EU weiter demokratisiert werden, etwa, dass das Einstimmigkeitsprinzip in wichtigen Gremien durch qualifizierte Mehrheitsbeschlüsse ersetzt wird, das Parlament gestärkt und seine Repräsentativität verbessert wird. Dann hätten von der Zivilgesellschaft ausgehende Initiativen wie die der Robin Hood Tax (Finanztransaktionssteuer) eine Chance, dann engagieren sich die Menschen wieder mehr für Europa, dann kann Europa für Afrika ein guter und solidarischer Partner werden und man könnte gemeinsam an der Bekämpfung von Fluchtursachen arbeiten.

Wie können die Barmherzigkeit Gottes und soziale Gerechtigkeit zusammenfinden?

In Gott sind sie vereint, wir müssen dies entsprechend in dieser Welt sichtbar machen. Für einen Flüchtling ist es beispielsweise genauso wichtig, mit ihm Tee zu trinken und seine Klage anzuhören wie anschließend politisch für seine menschenwürdige Behandlung zu streiten.