Auf lange Sicht sind wir alle tot

Zum 125. Geburtstag von

John Maynard Keynes

Wenn die Wirtschaft nicht mehr floriert, muss der Staat mehr Geld ausgeben – solche vordergründigen, falschen Zusammenfassungen muss sich die ökonomische Theorie von John Maynard Keynes gefallen lassen, der am Donnerstag 125 Jahre alt geworden wäre. Hinter seiner Theorie stand mehr: Was Keynes in seinem 1936 veröffentlichten Hauptwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ darlegte, war volkswirtschaftlich revolutionär: Er hatte erkannt, dass es Situationen gibt, in denen der freie Markt nicht funktioniert und der Staat eingreifen muss, um Arbeitsplätze zu schaffen. Eben dies war die Situation der Weltwirtschaftskrise: Bis dahin wurde die Wirtschaftslehre von der klassischen Schule beherrscht. Danach kann es in der Wirtschaft zwar zu kurzfristigen Störungen kommen, auf lange Sicht aber bringt der Markt alles wieder ins Gleichgewicht.

„Auf lange Sicht sind wir alle tot!“, konterte Keynes. Denn mit der klassischen Wirtschaftstheorie ließ sich die Massenarbeitslosigkeit der dreißiger Jahre nicht erklären. Ihr zufolge würden die Arbeitslosen schon wieder Jobs bekommen, wenn sie nur weniger Geld verlangten. Die Wirklichkeit sah anders aus: Zwar sanken die Löhne – doch die Arbeitslosigkeit stieg in immer astronomischere Höhen. Da war es eine Illusion, zu hoffen, dass sich in ferner Zukunft einmal das ökonomische Gleichgewicht und Vollbeschäftigung wieder einstellen werde. Keynes wollte die Krise lösen – und zwar hier und jetzt. Den Schlüssel dazu sah er in der Nachfrage – genauer in den Investitionen. Sie schwanken stark, weil sich die Ausgaben der Firmen für neue Maschinen nach den künftigen Absatzchancen der damit produzierten Güter und der erwarteten Profitabilität richten. Beides ist unsicher. Wenn die Aussichten aber so katastrophal verändert sind wie in der Weltwirtschaftskrise, wenn Angebot und Nachfrage auseinanderdriften, obwohl die Märkte nicht gesättigt sind und es eigentlich Angebot und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen geben müsste – dann sollte der Staat eingreifen, forderte Keynes. Regierungen und Notenbanken sollten über zusätzliche Ausgaben, Steuersenkungen oder niedrigere Leitzinsen Investitionen und Konsum ankurbeln, Nachfragelücken stopfen und die Arbeitslosigkeit bekämpfen.

Das war Keynes Theorie in den Dreißigern. Ob sie einen Ausweg aus heutigen Malaisen bietet, ist fraglich. Eines ist klar: Der Glaube an die Steuerbarkeit der Konjunktur durch staatliche Eingriffe hat Deutschland einen riesigen Schuldenberg eingebracht, der mühsam abgetragen werden muss – etwa in Form höherer Steuern. Die lasten schwer auf dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher schmälern. Staatliche Eingriffe haben ihren Sinn, wenn die Konjunktur darniederliegt – beim Aufschwung müssen sie schleunigst wieder zurückgenommen werden. Das haben viele Regierungen in der Vergangenheit versäumt. Der Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes sollte man dafür aber keine Schuld geben.