Armut überwinden

Die Tagung „Christian Humanism“ analysierte die Reflexion der katholischen Soziallehre bei Papst Franziskus und zeigte die Notwendigkeit einer neuen Denkart. Von José García

Um Gottes willen: Papst Franziskus wendet sich besonders den Armen, den Notleidenden und den sozial Bedürftigen liebevoll zu. Foto: dpa
Um Gottes willen: Papst Franziskus wendet sich besonders den Armen, den Notleidenden und den sozial Bedürftigen liebevol... Foto: dpa

Hat sich die Meinung von Papst Franziskus über die Soziale Marktwirtschaft gewandelt? Über diese Frage wurde in Berlin auf einem Symposion der Päpstlichen Universität „Santa Croce“ in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung diskutiert. Das 5. Kolloquium über die Herausforderungen, die Armut, Ungleichheit und Ungerechtigkeit an den christlichen Humanismus stellen, das von der vom Opus Dei in Rom geleiteten Universität organisiert wurde, fand erstmals in Deutschland statt.

Peter Schallenberg, Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, wies darauf hin, dass sich der Papst bei der Verleihung des Karlspreises erstmals positiv über die Soziale Marktwirtschaft geäußert habe, während er früher eher Formulierungen wie „diese Wirtschaft tötet“ gebraucht und für die „Option für die Armen“ plädiert habe. Die Teilnehmer am ersten Panel über Aspekte der Armut sahen keinen Wandel im Denken des Papstes. Marcelo F. Resico, Wirtschaftsprofessor an der Katholischen Universität Buenos Aires, hielt Schallenberg entgegen, die Soziallehre der katholischen Kirche – der Franziskus verpflichtet sei – habe sich stets sowohl gegen einen extremen Liberalismus als auch gegen einen extremen Marxismus gewandt. Die Soziale Marktwirtschaft sei eben der dritte Weg. Der Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Gerhard Kruip, fügte hinzu, dass die Formulierung „diese Wirtschaft tötet“ aus „Evangelii gaudium“ im Zusammenhang mit dem vorausgehenden Satz gesehen werden müsse, der ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ fordere. Eigentlich sei dies eher ein sprachliches Problem: Der Papst rede vor den Vertretern des Karlspreises anders als etwa vor argentinischen Gewerkschaftlern. Seine Reden fänden jedoch allgemeine Verbreitung und müssten von allen verstanden werden.

Auf eine höhere Ebene hob Joseph Zahra, als Vorsitzender der Päpstlichen Kommission für die Wirtschaftsreform „oberster Laie“ im Vatikan, die Diskussion. Der Papst stehe einer modernen Wirtschaft positiv gegenüber, welche die Freiheit des Menschen, die Freiheit der Märkte und die Freiheit der Gesellschaft fordere. In diesem Sinn stehe er in der Tradition von „Centesimus annus“. Was dem Papst Sorge bereite, sei der Verlust des Vertrauens der Menschen in die Politik, in die Banken, in die Gesellschaft und insgesamt in die Zukunft. Zahra wies auf die Worte des Papstes von November 2015 hin: „Wir leben nicht in einer Ära des Wandels, sondern erleben einen Wandel der Ära.“ Dies könnte schon als Abkehr von der Soziallehre der Kirche gesehen werden. Joseph Zahra betonte allerdings, dass die Fehlentwicklungen nicht Fehler der Wirtschaft, sondern der ethischen Systeme seien. „Wir erleben eine Krise des Menschen.“ So hänge der soziale Abstieg der Armut auch mit der Unfähigkeit zusammen, das Leid der anderen zu verstehen. Daher der Aufruf von Papst Franziskus gegen eine Wirtschaft der Ausgrenzung.

Als „Übel der modernen Welt“ bezeichnete Zahra die Sicht, den Menschen lediglich als Konsumenten zu sehen. Dagegen habe sich bereits Johannes Paul II. gewandt und die „Kultur der Verschwendung“ angeprangert. Ziel der Wirtschaft sei nach Franziskus, Lebensbedingungen zu schaffen, in denen der Mensch in Würde leben könne. Deshalb fordere der Heilige Vater auf, das wirtschaftliche System zu überdenken. Dafür sei nicht nur nötig, über dessen materielle Seite nachzudenken, denn neben einer materiellen Armut gebe es eine kulturelle und eine geistige Armut. Neben einem wirtschaftlichen Wachstum solle auch ein kulturelles Wachstum und eine „flächendeckende Bildung“ angestrebt werden. Deshalb sei die Sicht des Papstes umfassender. Um die Armut zu bewältigen, seien nicht nur materielle Hilfen als „milde Gabe“ vonnöten. Ziel einer solchen Anstrengung solle sein, jeden Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst entwickeln zu können. Dahinter stehe der Respekt vor jedem Menschen sowie die Zielrichtung der Wirtschaft auf das Gemeinwohl: „Die Wirtschaft darf nicht bloß auf Profit aus sein.“

In diesem Zusammenhang vertrete der Papst keinen abstrakten, sondern einen praktischen Humanismus. Der Präsident der Päpstlichen Kommission fasste ihn in einer sehr konkreten Frage zusammen: „Wäre Jesus Christus hier, würde ich mich über meine Entscheidung schämen?“ Ein solcher Humanismus habe eine ganzheitliche menschliche Entwicklung als Ziel. „Nur wenn der Mensch als Ganzes gesehen wird, können die Probleme der Armen gelöst werden.“ Um eine solche Ganzheitlichkeit zu erreichen, müssten die Unternehmer nicht nur Initiativen ergreifen, sondern auch Gerechtigkeit anstreben.

Eine theoretische Grundlage für die „Option für die Armen“, von der Papst Franziskus wiederholt spricht, lieferte Martin Schlag, Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Universität Santa Croce in Rom und Hauptorganisator des Symposiums: Die Gerechtigkeit werde gerade im Angesicht von Ungerechtigkeiten wahrgenommen. Sie erhebe die Stimme gegen eine ungerechte Macht, wenn eine „Asymmetrie der Macht“ vorliege. Warum sollten aber die Mächtigen nicht über die Schwachen verfügen? In allen Kulturen, so Schlag, gebe es eine moralische Sicht auf diese asymmetrische Situation, ob es sich um die Zehn Gebote oder das chinesische Tao handele. Eine christliche Kultur beginne aber erst, wenn das Evangelium allen verkündigt werde, nicht nur den Reichen und nicht nur den Armen. Weil die Gerechtigkeit keine Partei ergreife – vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich – beziehe dies auch die Liebe zu den Armen mit ein. Dies meine Papst Franziskus mit der „Botschaft der Inklusion“. Dabei folge der Papst nicht so sehr befreiungstheologischen Ansätzen als vielmehr der kirchlichen Tradition, wie sie von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in Fortführung der Soziallehre der Kirche weiterentwickelt worden sei.

Eingeführt in das Tagungsthema hatte ein Vortrag von Joseph Kaboski, Professor für Wirtschaft an der Universität Notre Dame im US-amerikanischen Indiana. Laut Kaboski sei „Armut“ regional sehr verschieden und deshalb schwer zu definieren. In den Vereinigten Staaten liege die Armutsgrenze bei 24 000 Dollar im Jahr. Für Entwicklungsländer gehe die Weltbank aber davon aus, dass arm sei, wer weniger als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung habe. Was der Einzelne jedoch mit diesem Betrag etwa an Grundnahrungsmitteln kaufen könne, sei unterschiedlich. Relativ habe sich die Armutsrate rapide verringert: von 44 Prozent der Weltbevölkerung in den 1970er Jahren auf – erstmals in der Geschichte – unter zehn Prozent. Dies sei größtenteils auf die Überwindung der extremen Armut im von Mao in desolatem Zustand hinterlassenen China während der letzten 25 Jahre zurückzuführen. Allerdings sei diese auf den ersten Blick beruhigende Feststellung in absoluten Zahlen kaum tröstlich, denn noch immer lebten auf der Welt 740 Millionen Menschen in Armut. Als Perspektiven für die Überwindung der Armut nannte Kaboski insbesondere Fortschritte in Bildung und Gesundheit. Zwar sei die Kindersterblichkeit, etwa in Afrika, zurückgegangen. Aber leicht zu bekämpfende Krankheiten wie Malaria seien in diesem Kontinent wegen der schlechten Hygieneverhältnisse noch nicht überwunden.

Gerhard Kruip konzentrierte sich auf theologische Gesichtspunkte im Zusammenhang mit der von Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ und „Laudato si?“ angesprochenen vorrangigen Option für die Armen, die nach Kruip vier Merkmale besitzt: Primat der Orthopraxie (im Gegensatz zur Orthodoxie) – was eine Hinwendung zum Menschen mit sich bringe –, die Option für die Armen als logische Folgerung der allgemeinen Forderung nach Nächstenliebe besonders in Benachteiligungssituationen, die Überwindung der Strukturen der Sünde, insbesondere der „Vergötzung des Geldes“ und eine globalen Gerechtigkeit. Kruip wies darauf hin, dass sowohl in den Enzykliken der jüngsten Päpste – angefangen bei „Mater et Magistra“ von Johannes XXIII. – als auch in den Dokumenten des Zweiten Vatikanums die Beziehungen zwischen den Ländern in Formulierungen wie „gemeinsames Haus“ oder „eine Menschheitsfamilie“ betont werden. Damit hänge ebenfalls die Formulierung einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ von Papst Franziskus zusammen.

Im Zusammenhang mit dem Referat von Marcelo F. Resico, Wirtschaftsprofessor an der Katholischen Universität Buenos Aires, entwickelte sich eine kontrovers geführte Diskussion über die Bedeutung des Wachstums für die Überwindung der Armut. Bejahte Resico nicht nur die Bedeutung der Innovation und der Technologie, sondern auch des Wachstums, so hielt ihm Gerhard Kruip entgegen, dass zwar weniger Armut mehr Wachstum bedeute. Umgekehrt sei dies nicht zwangsläufig der Fall.

Das zweitägige Symposium gab aus unterschiedlichen Gesichtspunkten einige Denkanstöße, damit in der Wirtschaft eine neue Denkweise entsteht. Dadurch könnten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten überwunden werden, damit – wie Papst Franziskus immer wieder gefordert hat – die Armen nicht ausgeschlossen werden. Ob die Antworten auf diese Herausforderungen in der Sozialen Marktwirtschaft zu finden sind, darauf wollte sich der Vorsitzende der Päpstlichen Kommission für die Wirtschaftsreform nicht festlegen. Dem Papst gehe es, so Joseph Zahra, vielmehr um eine Wirtschaft, die Menschen nicht marginalisiert.