Arbeitszeit immer länger

Die deutsche Wirtschaft floriert – Während die Beschäftigungsquote so hoch wie noch nie ist, nehmen Tempo, Belastung und Überstunden zu. Von Robert Luchs

Stipendien für Studenten an Hochschulen
Akademiker gesucht: Ein immer größerer Teil der Erwerbstätigen arbeitet in Berufen, die eine hohe Qualifikation voraussetzen. Foto: dpa
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Akademiker gesucht: Ein immer größerer Teil der Erwerbstätigen arbeitet in Berufen, die eine hohe Qualifikation vorausse... Foto: dpa

Früher wurde malocht, im Blaumann, im nicht immer sauberen Kittel und mit der Kappe voller Farbspritzer. Diese Zeiten sind vorbei, doch an der Belastung hat sich nichts geändert, im Gegenteil: Sie hat, je nach Beruf, eher noch zugenommen. Immer mehr Termine, lange Arbeitszeiten und hohes Tempo, dem nicht alle folgen können und das sie nicht selten mit ihrer Gesundheit bezahlen. Die Wirtschaft aber „brummt“, die Erwerbstätigenquote hat im Juli 2017 mit 44,3 Millionen Menschen einen neuen Höchststand erreicht. Die Arbeitslosenquote wiederum ist die zweitniedrigste in Europa.

Die hohe Zahl der Beschäftigten sagt allerdings nur wenig über ihre Zufriedenheit am Arbeitsplatz aus. Viele Überstunden und eine wachsende Zahl an befristeten Verträgen belasten die Arbeitnehmer, wie ein Bericht des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden zeigt. Am Arbeitsplatz werden viele Stunden des Tages verbracht – oft mehr Zeit, als für Familie und Freizeit zur Verfügung steht. Durchschnittlich 41 Stunden pro Woche arbeiteten Vollzeiterwerbstätige im vergangenen Jahr. Elf Prozent dieser Erwerbstätigen arbeiteten sogar mehr als 48 Stunden in der Woche. Dies gilt als überlange Arbeitszeit.

Überlange Arbeitszeiten nehmen mit dem Alter zu. Nur zwei Prozent der Vollzeiterwerbstätigen zwischen 15 und 24 Jahren arbeiteten in 2016 gewöhnlich mehr als 48 Stunden wöchentlich. Bei der gleichen Gruppe der Erwerbstätigen im Alter von 54 bis 64 Jahren waren es dagegen 14 Prozent. Einer der Gründe für die deutlichen Unterschiede ist der hohe Anteil überlanger Arbeitszeiten bei Führungskräften, die in den höheren Altersgründen zu finden sind. Auch Selbstständige sind für überlange Arbeitszeiten prädestiniert. Gut die Hälfte (51 Prozent) arbeitete gewöhnlich mehr als 48 Stunden pro Woche. Sie müssen, je nach der Art der Aufträge und der zeitlichen Vorgabe, oft länger arbeiten als der sogenannte „normale“ Arbeitnehmer.

Im Jahr 2015 waren 40 Prozent der Erwerbstätigen mindestens drei Viertel der Zeit einer hohen Arbeitsintensität ausgesetzt. Mit 44 Prozent waren dabei Männer etwas stärker betroffen als Frauen mit 36 Prozent. Bei der Anlagen- und Maschinenbedienung (56 Prozent), bei Führungskräften (54 Prozent) sowie in Handwerksberufen (52 Prozent) war jeweils etwas mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen über Gebühr belastet. Die zunehmende Digitalisierung mag auf der einen Seite im Arbeitsverlauf entlastend wirken, doch werden die frei werdenden Kräfte auch wieder rasch an anderer Stelle eingesetzt.

Ein immer größerer Teil der Erwerbstätigen arbeitet in Berufen, die eine hohe Qualifikation voraussetzen. 1996 hatte deren Anteil noch bei 37 Prozent gelegen. Zwanzig Jahre später betrug er bereits 45 Prozent. Nicht nur Akademikerinnen und Akademiker zählen zu den hoch Qualifizierten, sondern auch Fachkräfte im Technik- oder Gesundheitsbereich. Dabei arbeiten Frauen generell häufiger als Männer in den Berufen, die eine hohe Qualifikation voraussetzen. Im vergangenen Jahr fanden sich 47 Prozent der erwerbstätigen Frauen in solchen Berufen – im Vergleich zu 42 Prozent bei den Männern. Der Unterschied ist auf den relativ hohen Frauenanteil beim Lehrerberuf oder auch bei Berufen der medizinischen und technischen Assistenz zurückzuführen.

Stress kann auch die Art des Arbeitsvertrages auslösen: Hat ein Arbeitnehmer einen unbefristeten Vertrag, dann kann er unbesorgter in die Zukunft blicken, als im umgekehrten Fall. Fast jeder Zweite hat im vergangenen Jahr nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten, das sind 45 Prozent der neu eingestellten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Im Jahr 2015 waren 41 Prozent aller Neueinstellungen befristet. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor. 2016 gab es, ohne Auszubildende und Mini-Jobber, rund 3,4 Millionen sozialversicherungspflichtige Neueinstellungen. Hiervon waren rund 45 Prozent, also etwa 1,6 Millionen Stellen, befristet.

Die Gewerkschaften wehren sich vor allem gegen die sogenannte sachgrundlose Befristung, die es Unternehmen erlaubt, die Verträge für neue Mitarbeiter ohne Angaben von Gründen innerhalb von maximal zwei Jahren zu befristen. Vor allem jüngere Menschen, die eine Familie gründen wollen, und Berufseinsteiger erhalten in der Regel nur befristete Arbeitsverträge, die ihnen weniger Sicherheit bieten. Die Arbeitgeber argumentieren, die Möglichkeit zur Befristung gebe ihnen die nötige Flexibilität, um auf wechselnde Geschäftslagen zu antworten. Ohne sie müssten die Firmen noch stärker auf Leiharbeit zurückgreifen. Die Quote derjenigen, die nach einer Befristung von ihrem Betrieb übernommen wurde, ist im vergangenen Jahr mit 40 Prozent unverändert geblieben.