Alfred Delp: Der Denker der dritten Idee

Der Widerstandskämpfer Alfred Delp dachte auch über eine neue Wirtschaftsordnung nach.

Alfred Delp vor dem Volksgerichtshof 1945.
Alfred Delp vor dem Volksgerichtshof 1945. Foto: IN

Die Spuren vieler Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft führen in die Widerstandskreise während der Zeit des Nationalsozialismus. Nicht wenige von ihnen bezahlen ihre Haltung mit dem Leben. Zu ihnen zählt der Jesuitenpater Alfred Delp. Seit Beginn der 1940er Jahre gehört Delp zum Kreisauer Kreis um Graf Moltke und entwickelt dort Gedanken zu einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für das Nachkriegsdeutschland. Sein „theonomer Humanismus“ und die Suche nach einer dritten Idee kennzeichnen seine Arbeit auf der Basis der katholischen Soziallehre.

Alfred Delps Eltern erziehen ihren Ältesten, Jahrgang 1907, evangelisch, wiewohl sie katholisch getraut wurden. Da die jungen Eltern unter dem Dach der Großeltern wohnen, gibt die evangelische Großmutter die Erziehung des Jungen vor. Über die christliche Jugendbewegung findet Alfred Delp den Weg zum „Bund Neudeutschland“. Bald nach dem Abitur tritt er dem Jesuitenorden bei. Seine Begabung und sein Intellekt sichern ihm rasch Respekt. Am jesuitischen Kolleg in Pullach belegt er Philosophie; in seiner anschließenden Tätigkeit als Erzieher in Feldkirch befasst er sich theoretisch in erster Linie mit pädagogischen Fragen.

Sein wohl wichtigstes Papier „Dritte Idee“

Der Umzug des Kollegs nach St. Blasien führt Alfred Delp hernach in den Schwarzwald, bevor er in Frankfurt das Studium der Theologie aufnimmt. Nach der Priesterweihe 1937 arbeitet Delp zunächst journalistisch für katholische Medien. Sowohl sein Versuch der Promotion als auch sein Wunsch, als Militärgeistlicher zu arbeiten, scheitern an den politischen Umständen der NS-Zeit. Er wird stattdessen neben seelsorgerischen Aufgaben Redakteur der „Stimmen der Zeit“, einer von der Deutschen Provinz der Jesuiten herausgegebenen Kulturzeitschrift, bis diese unter dem Druck der Machthaber ihren Betrieb einstellen muss.

Anfang 1942 erhält Alfred Delp Kontakt zu Helmuth James Graf von Moltke und zum Kreisauer Kreis. Moltke sucht einen Wissenschaftler, der den Kreis bei seinen Überlegungen für eine zukünftige Gesellschaftsordnung unterstützt. Bedingt durch die konspirative Tätigkeit des Kreises und die spätere Verhaftung Delps ist die Quellenlage unvollständig; sein wohl wichtigstes Papier „Dritte Idee“, in dem er zwischen Kapitalismus und Marxismus einen sogenannten „sozialen Personalismus“ zu finden sucht, ist leider nicht erhalten. Ralf Dahrendorf wird viele Jahre später den Begriff „dritter Weg“ unter soziologischen und historischen Aspekten kritisch beleuchten, weshalb man davon ausgehen darf, dass die Bezeichnung „dritte Idee“ durch Alfred Delp nicht ganz zufällig gewählt ist. Dahinter verbirgt sich in Anlehnung an den Rekonstruktionsversuch Petro Müllers der Entwurf einer christlichen Sozialethik, die auf der Basis der Sozialenzyklika „Quadragesimo anno“ erarbeitet worden ist.

Überlegungen zu einem „Christenrat“ auf nationaler Ebene

Was Delp unter „personalem Sozialismus“ versteht, deutet ein Briefwechsel aus den 1930er Jahren an: Er begreift das soziale Individuum exakt zwischen einem notwendigen Individualismus und dem Sozialismus – also trotz der sprachlichen Ähnlichkeit eine deutliche Abgrenzung zum Sozialismus. Dies wird noch deutlicher, wenn man weiß, dass er personalen Sozialismus stets mit theonomen Humanismus als Einheit versteht – die Bindung an ewige, gottgegebene Werte fungiert als Garantie für die Humanität.

Die Rolle der christlichen Kirchen ist bei Alfred Delp in seinen Visionen für eine neue Gesellschaftsordnung konstitutiv. Die Kirchen haben die Aufgabe, den Menschen eine „innere Führung“ zurückzugeben; dafür müssten sie die Notlagen der Menschen erkennen und für ihre Beseitigung eintreten, Letzteres gegebenenfalls auch zusammen mit außerkirchlichen Gruppen. Nicht zuletzt auf dem Hintergrund der Erfahrungen aus der NS-Zeit nimmt die Einheit der Christen für Delp und seine Mitdenker im Kreisauer Kreis breiten Raum ein. Dafür sprechen die Überlegungen zu einem „Christenrat“ auf nationaler Ebene; einem frühen Vorläufer der „Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen“, den wir heute in Deutschland kennen. Roman Bleistein wird Alfred Delp später mit Blick auf dessen Rolle im Kreisauer Kreis zu Recht einen „philosophischen Vordenker“ nennen.

„Ich will mir Mühe geben, als fruchtbarer Samen in die Scholle zu fallen, für Euch alle und für dieses Land und Volk, dem ich dienen und helfen wollte.“
Alfred Delp

Obschon Delp nicht direkt an den Vorbereitungen zum 20. Juli 1944 beteiligt ist und nach eigenen Angaben nicht einmal konkret davon weiß, wird er im Nachgang zum Attentat verhaftet. Das während der Haft unterbreitete Angebot, bei Verlassen des Ordens freigelassen zu werden, lehnt Alfred Delp ab. Dem berüchtigten Roland Freisler genügen Delps Kontakte zum Kreisauer Kreis und seine Arbeit als Jesuitenpater, um das Todesurteil zu verhängen. Die Haftzeit bis dahin spart von Erniedrigung bis zur Folter nichts aus. Aus den Notizen, die er in Plötzensee teils mit gefesselten Händen verfasst, spricht tiefes Gottvertrauen und Optimismus. Unmittelbar vor seiner Hinrichtung formuliert er: „Ich will mir Mühe geben, als fruchtbarer Samen in die Scholle zu fallen, für Euch alle und für dieses Land und Volk, dem ich dienen und helfen wollte.“ Delp stirbt am 2. Februar 1945 durch den Strang; seine Asche wird auf Wunsch Hermann Görings auf einem Areal verstreut, das eigentlich der Reinigung der Abwässer in Berlin dient.

Zu seinem 100. Geburtstag am 15. September 2007 würdigt der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Karl Kardinal Lehmann den Märtyrer Alfred Delp: „Auch für seinen Orden ist er eine prophetische Gestalt. Wir haben noch längst nicht ausgeschöpft, was man von ihm lernen kann. Manchmal müssen viele Jahre vergehen, bis wir einen schon Verstorbenen in seiner Bedeutung wiederentdecken. Bei Delp lässt sich immer noch viel lernen. Immer mehr kam es ihm freilich auf seine Botschaft an: Ohne Gott kann man nicht richtig Mensch sein.“