Ratzingers Blick auf Europa

Vom Wesen des Europäischen

Joseph Ratzinger zeigte, dass Frieden und Gerechtigkeit untrennbar zueinander gehören und Macht unter das Maß des Rechts zu stellen.
Generalaudienz des Papstes
Foto: KNA (dpa) | Bereits vor seiner Wahl zum Nachfolger Petri legte Joseph Ratzinger das tiefere Wesen des Europäischen frei.

Das Werk Joseph Ratzingers ist eine Schatztruhe abendländischer Weisheit, und darüber hinaus auch eine Fundgrube europapolitischer Inspiration. So erinnerte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Wirtschaftsfachleute und Politiker in einer Rede in Cernobbio am Comer See im Jahr 2001 an das Gründungsmotiv des vereinten Europa: „Es ging um eine europäische Identität, die die nationalen Identitäten nicht auslöschen und nicht leugnen, aber sie doch in einer höheren Gemeinsamkeit zu einer einzigen Völkergemeinschaft verbinden sollte. Die gemeinsame Geschichte sollte als Frieden stiftende Kraft aktiviert werden.“

Europa: Synthese aus politischer Realität und sittlicher Idealität

Kann es also sein, dass die „Friedensidee Europa“ nicht nur ein affektiver Reflex nach den Grauen des Zweiten Weltkriegs war, etwa im Sinn der Parole „Nie wieder Krieg“? Kann es sein, dass die Entschlossenheit, das Verbindende und Gemeinsame vor das Trennende zu stellen, den widerstreitenden Interessen der Europäer nicht einfach nur abgetrotzt werden musste, dass vielmehr ein innerer Zusammenhang zwischen dem Wesen Europas und der Option für eine Friedensordnung besteht? Tatsächlich scheint Joseph Ratzinger dieser Meinung zu sein, sieht er doch Europa selbst als „eine Synthese aus politischer Realität und sittlicher Idealität“. Deshalb formulierte er bereits 1987: „In dem Augenblick, wo Europa seine eigenen geistigen Grundlagen in Frage stellt oder aufhebt, sich von seiner Geschichte trennt und sie zur Kloake erklärt, kann die Antwort einer nicht-europäischen Kultur nur die radikale Reaktion und das Zurück hinter die Begegnung mit den christlichen Werten sein.“

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Er schrieb, wohlgemerkt, nicht „außer-europäisch“, sondern „nicht-europäisch“, denn die Destruktion dessen, was Europa in seinem Wesen ausmacht, kommt seltener von außerhalb Europas, sondern meist aus einer Perversion des Europäischen. Ratzinger führt einmal als Beispiel den Nationalsozialismus als eine „Absage an das Christentum als Entfremdung von der 'schönen' germanischen 'Wildheit'“ an, ebenso auch den Marxismus als „Abwendung von der Geschichtsgestalt Europas“. An anderer Stelle schrieb er, Nationalismus und Marxismus widersprächen „dem Wesen des Europäischen“. Den Nationalismus bezeichnete er als „europäische Häresie“ und „Irrweg unserer Geschichte“, dem „die erneuerte Idee des einen Europa als Gegenkraft … entschieden entgegenzusetzen“ sei.

"Dem Wesen einer Sache kann man am ehesten
dadurch nahekommen, dass man zunächst
einmal feststellt, was sie nicht ist“

Aber finden wir auf dieser „via negativa“ durch irgendeinen Umkehrschluss schon zum Wesen Europas? Joseph Ratzinger jedenfalls ist dieser Auffassung: „Dem Wesen einer Sache kann man am ehesten dadurch nahekommen, dass man zunächst einmal feststellt, was sie nicht ist.“ So sei auch der Gedanke an Europa immer dann pointiert aufgetreten, wenn den unter diesem Sammelbegriff zu vereinigenden Völkern Gefahr drohte.

Genau das aber scheint sich derzeit – wieder einmal – zu vollziehen: Die vielfachen Gefahren, die der Krieg Wladimir Putins gegen die Ukraine im Bewusstsein der Europäer spürbar werden lässt, macht auch den Sinn und die Sendung Europas klarer. Nicht mehr nur in pathetischen Sonntagsreden, sondern in Taten und Zeichenhandlungen wird deutlich, dass die politische Klasse der Europäischen Union spürt: Die Menschen in der Ukraine kämpfen nicht nur für ihre Heimat, ihre Eigenstaatlichkeit und Freiheit, ihr Leben, sondern für die europäische Lebensart an sich, und für jene Werte, die Europa im Kern ausmachen.

Der Kampf der Ukrainer, wie Europäer zu leben und nicht wie Untertanen Putins, macht sichtbar, dass die Parole „Frieden um jeden Preis“ einer inneren Logik entbehrt. Ein Frieden um den Preis der Unterwerfung, der Tyrannei und der Ungerechtigkeit ist bereits widersprüchlich. Joseph Ratzinger sagte in einer Rede, die 2004 in der „Tagespost“ erstveröffentlicht wurde, dass „Friede und Gerechtigkeit untrennbar zueinander gehören“. Und er begründete diese These so: „Wo immer Recht zerstört wird, wo immer Ungerechtigkeit Macht erhält, ist der Friede gefährdet und ein Stück weit bereits zerbrochen. Sorge für den Frieden ist daher zuallererst Sorge um eine Gestalt des Rechts“. An anderer Stelle meinte er im selben Jahr, es sei „die Aufgabe der Politik, Macht unter das Maß des Rechts zu stellen und so ihren sinnvollen Gebrauch zu ordnen. Nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts muss gelten.“

Europa als kultureller und historischer Begriff

Genau aus diesem Grund ist die Invasion russischer Truppen in der Ukraine zur Konfrontation zwischen Russland und der Europäischen Union geraten: Es geht – zumindest für die EU – nicht um das Abstecken von Machtsphären und Einflusszonen, sondern um die Verteidigung des Rechts. Wladimir Putin bricht mit seinem Überfall auf das souveräne Nachbarland das Völkerrecht, und er bricht mit den offenbar systematischen Kriegsverbrechen permanent Menschenrechte. Übrigens nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland selbst, wo die Grund- und Bürgerrechte so vielfältig verletzt und mit Füßen getreten werden, dass man sie als nicht existent betrachten muss. Die Willkürherrschaft der Mächtigen ist aber der größtmögliche Gegensatz zur Rechtsstaatlichkeit. Darum unterstützt die EU als Rechtsgemeinschaft den Freiheitskampf der Ukrainer gegen die Despotie Putins.

Joseph Ratzinger, der in der Wahl seines Papstnamens an den ersten offiziellen Patron Europas – den abendländischen Mönchsvater Benedikt – erinnert, vertrat die These, dass Europa „kein geografisch deutlich fassbarer Kontinent, sondern ein kultureller und historischer Begriff“ sei. Er leistete der Pervertierung, Entkernung und Banalisierung des Europäischen Widerstand und hob die Synthese aus hellenischem, christlichen und lateinischen Erbe ans Licht, die das Wesen Europas formte.

All dies mit dem Ziel, die Menschenwürde als „Pfeiler ethischer Ordnungen“ sichtbar zu machen. Seine Begründung dafür liest sich wie ein Einspruch gegen alle ideologischen Totalitarismen des 20. und 21. Jahrhunderts: „Nur wenn der Mensch sich selbst als Endzweck anerkennt und nur wenn der Mensch dem Menschen heilig und unantastbar ist, können wir einander vertrauen und miteinander in Frieden leben.“ Wladimir Putin geht mit seinem Krieg gegen das ukrainische Volk den konträren Weg.

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