Tunesiens Christen und ihr Opfergang

Aachen (DT) Bildungsbeflissene Touristen, die in Tunesien Urlaub machen, aalen sich nicht nur am Strand. Sie feilschen auch nicht nur mit den Händlern in der Medina. Sie wissen, wie reich an Geschichte dieses Land ist und machen Ausflüge zu den historischen Stätten. Vom stolzen Karthago, das 145 v.Chr. von seinem Erzrivalen Rom nach langem Kampf erobert wurde, sind nur noch ein paar Ruinen übrig: die Thermen des Antonius Pius, Mosaikböden, Sarkophage und Grabstelen einer byzanthinischen Basilika, das Heiligtum der Tanit mit den kleinen Steinsärgen der Kinder, die man Baal geopfert hat, und die römische Villa des Antiquariums. Vom Amphitheater dagegen ist nichts mehr zu sehen, und nur eine kleine Kapelle und eine im neunzehnten Jahrhundert errichtete Säule erinnern an das blutige Schauspiel, das sich hier am 7. März 203 abgespielt hat.

Damals starrten die Besucher auf den Rängen mitleidig oder sensationsgierig auf zwei blutjunge Frauen, die nackt und in Netze eingewickelt in die Arena geführt wurden. Der römische Prokonsul Hilarianus hatte sie wegen ihres christlichen Glauben zum Tode verurteilt. Perpetua, Tochter aus gutem Hause, und ihre Sklavin Felicitas wurden erst einer wilden Kuh vorgeworfen und dann mit dem Schwert umgebracht.

Fünfundfünfzig Jahre später wurde in Karthago wegen des gleichen „Verbrechens“ ein Mann zum Tode verurteilt, der sich als Gelehrter und mitreißender Redner einen Namen gemacht hatte. Cyprian war auf dem Höhepunkt seiner beruflichen Karriere, als er sich im Alter von 46 Jahren taufen ließ. Zwei Jahre später wurde er Priester und bald darauf auf Drängen des Volkes Bischof. Schließlich hatte sich das Christentum schon im ersten Jahrhundert rasch im Mittelmeerraum und in der römischen Provinz Africa ausgebreitet. Cyprian nahm sein Todesurteil mit den Worten „Deo gratias“ entgegen. Seinem Henker ließ er 25 Goldstücke übergeben.

Während vom Amphitheater von Karthago nicht einmal Ruinen übrig geblieben sind, ist das Kolosseum des heutigen El Djem genau so gut erhalten wie das römische Original. Es ist 148 Meter lang und bot 35 000 Zuschauern Platz. Auch hier wurden Christen in brennenden Gewändern zu Tode gehetzt oder wilden Tieren vorgeworfen. Von El Djem aus führte angeblich ein geheimer Gang bis zur Bischofsstadt Sousse, die sechzig Kilometer weiter nördlich liegt. Wie in Rom hatten sich hier die Christen während der langen Jahre der Verfolgung nur heimlich in Katakomben zum Gottesdienst treffen können. Diese Zufluchtsstätten bestehen aus hundertfünf finsteren Gängen mit sechstausend Gräbern. Noch heute ziehen sie sich auf einer Länge von eineinhalb Kilometern unter der Altstadt hin.

Trotz der grausamen Verfolgung durch die römischen Kaiser breitete sich das Christentum immer weiter aus, und es wurde in Nordafrika praktisch zur Volksreligion. An der Synode, die 411 in Karthago abgehalten und von Augustinus geleitet wurde, nahmen 565 Bischöfe teil.

Augustinus, der spätere Kirchenlehrer und Heilige, hatte sich sich erst im Alter von 33 Jahren taufen lassen, und er war schon zehn Jahre später zum Bischof von Hippo geweiht worden.

Was die heidnischen Römer mit all ihren Verfolgungen nicht schafften, das gelang dem Islam. Innerhalb von nur fünf Jahren rottete er mit Feuer und Schwert das Christentum in Nordafrika aus. Im Jahre 664 erreichten seine Heerscharen Sousse, vernichteten die Armeen Ostroms und bauten die Stadt zu einer trutzigen Festung aus. 31 Jahre später eroberten sie auch Karthago.

Inzwischen hatte Oqba ibn Nafi, ein Gefährte des Propheten, westlich von Sousse ein Heerlager namens Kairouan errichtet. Der Ort wurde später nach Mekka, Medina und Jerusalem die vierte heilige Stadt des Islam. Hier versammelten sich im achten Jahrhundert islamische Heerscharen, um das christliche Abendland zu erobern. 756 drangen sie in Spanien ein, und sie stießen von hier aus bis ins Reich der Franken vor. Erst südwestlich von Paris gelang es Karl Martell, dem Hausmeier des fränkischen Reiches, die Muslime zurückzuschlagen und Europa vor einer gewaltsamen Islamisierung zu bewahren.

Aber noch jahrhundertelang waren christliche Seefahrer im Mittelmeer von muslimischen Piraten bedroht. Viele Schiffe wurden von den Anhängern des Propheten geentert, und Passagiere wurden als Sklaven ins heutige Tunesien verschleppt. Nach islamischen Berichten gab es allein im Jahre 1535 rund elftausend christliche Sklaven im Land. In Europa entstanden eigene Orden, die sich deren Freikauf zur Aufgabe machten. So soll allein der Orden der von zwei Franzosen gegründeten Trinitarier im Laufe seiner Geschichte, wie es heißt, insgesamt neunhunderttausend Christensklaven losgekauft haben.

Der Bey von Tunis, der zugleich Oberbefehlshaber der Armee sowie Finanz- und Innenminister war, ließ zum Neubau seines Palastes Tausende christlicher Sklaven in den Steinbrüchen arbeiten. Der französische Priester Philipp le Vacher blieb freiwillig als Seelsorger bei ihnen. Als aber sein Bruder Jean vom Papst zum Apostolischen Vikar von Tunis ernannt wurde, war der Bey derart erbost, dass er am 26. Juli 1683 Philipp vor die Mündung einer Kanone binden und auf das Meer hinaus schießen ließ.

Solche Gräuel endeten erst, als die Franzosen 1830 Tunesien besetzten und zum Protektorat machten. Wegen ihrer laizistischen Haltung förderten sie zunächst den Islam.

Erst als sie hörten, die Muslime würden sie als Hunde verspotten, weil sie nicht beteten, gaben sie den Katholiken im Land mehr Bewegungsfreiheit. In Charles Lavigerie erhielten die Gläubigen einen dynamischen Erzbischof, der 1884 vom Papst zum Kardinal und Primas von Afrika erhoben wurde. Schon zwei Jahre vorher hatte er in der heutigen Avenue Habib Bourgiba von Tunis eine neoromanische Kathedrale errichten und neue Kirchen im Land bauen lassen. So nahm die Zahl der Katholiken langsam wieder zu.

1956 gelang es den Tunesiern, durch Habib Bourgiba die französische Kolonialherrschaft abzuschütteln. Seither weht vor dem Präsidentenpalast die rote Nationalflagge mit Halbmond und Stern in der Mitte, und der Islam wurde zur Staatsreligion erhoben. Heute sind 96 Prozent der 7,6 Millionen Einwohner Tunesiens Muslims. Daneben gibt es im Land noch eine Minderheit von 23 000 Juden, besonders auf der Insel Djerba, sowie 15000 Katholiken und kleine protestantische Gruppen.

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