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Thomas Schwartz: Gaza-Krieg spielt Russland in die Karten

Warum er den Ukrainern nicht zur Kapitulation rät, erklärt der Sozialethiker und Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz im „Tagespost“-Interview.
Thomas Schwarz ist Sozialethiker und Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropa-Hilfswerks „Renovabis“
Foto: Renovabis | Thomas Schwarz ist Sozialethiker und Hauptgeschäftsführer des katholischen Osteuropa-Hilfswerks „Renovabis“.

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill hat sich mit seiner Kriegshetze auf Kreml-Kurs selbst aus dem ökumenischen Dialog genommen. Das meint der Sozialethiker und Hauptgeschäftsführer des Hilfswerks „Renovabis“, Thomas Schwartz, im „Tagespost“-Interview: „Ein Religionsführer, der den Terrorangriff auf ein Nachbarland als ‚heiligen Krieg‘ bezeichnet, desavouiert sich selbst.“ Damit werde das Wesen des Christentums als Religion der Barmherzigkeit verfehlt. Schwartz weiter: „Kyrill entmenschlicht mit seinen Formulierungen 40 Millionen Ukrainer und baut eine theologisch verbrämte Begründung für einen Genozid auf. Das ist für mich häretisch!“

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Die katholische Kirche sollte nach Ansicht von Schwartz vermeiden, sich instrumentalisieren oder vereinnahmen zu lassen. Sie sei stets für einen Dialog offen, „doch was wir aus der russischen Orthodoxie derzeit hören, sind selbstgefällige Monologe, die ein Gespräch sehr schwierig machen“.

Das Osteuropahilfswerk der deutschen Katholiken, „Renovabis“, unterstütze weiter seine Partner in Russland. Die seien allerdings in einer schwierigen Lage: „Die katholische Kirche in der Russischen Föderation ist eine kleine, immer kleiner werdende Herde. Viele Junge gehen ins Exil.“ Die katholischen Bischöfe in Russland müssten sich darauf konzentrieren, den Gläubigen in ihrem geistlichen Leben beizustehen, denn die katholische Kirche sei gar nicht als traditionelle Kirche anerkannt und die meisten Priester seien keine russischen Staatsbürger, „haben also stets die Ausweisung oder Schlimmeres zu fürchten“. 

Ein Vorschlag zur Beendigung des Krieges

In der Ukraine konnte Renovabis bisher mit mehr als 24 Millionen Euro helfen, so Schwartz. „Wir müssen den Menschen Mut machen, zu bleiben, damit das Land in seiner Integrität eine Zukunft hat.“ Er nehme nicht in der Ukraine, aber in Deutschland „eine große Ermüdung wahr: Ich habe den Eindruck, dass der Gaza-Krieg für manche Kräfte eine willkommene Ablenkung vom Krieg in der Ukraine ist und der russischen Aggression in die Karten spielt“. Viele würden nun nach Verhandlungen rufen, „weil sie es nicht mehr ertragen, diese schrecklichen Bilder zu sehen“.

Ausdrücklich nicht als Renovabis-Chef, sondern als politisch denkender Bürger und Sozialethiker formuliert Thomas Schwarz im „Tagespost“-Interview einen präzisen Vorschlag zur Beendigung des Krieges: „Wie wäre es, wenn wir die nicht besetzten, also freien Teile der Ukraine sofort in die EU und in die NATO aufnehmen würden. Damit wäre der berechtigte Anspruch der Ukraine auf die jetzt russisch besetzten Gebiete des Landes nicht aufgegeben, aber für die Russen wäre eine rote Linie gezogen.“ Für Russland würde sich dann die Frage stellen, ob es noch in das von der NATO geschützte Gebiet der Ukraine eindringen sollte. „Das würde sich der Aggressor wohl gut überlegen“, ist Schwarz überzeugt.  DT/sba

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