Katholikentag

Schwarz-Grün ist die „Katholikentagskoalition“

Wer verstehen will, warum die Christdemokraten Bündnisse mit den Grünen plötzlich so sexy finden, sollte sich den Katholikentag in Stuttgart genauer anschauen. Ein Kommentar.
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Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich (www.imago-images.de) | News Themen der Woche KW21 News Bilder des Tages Ministerpräsident BW Winfried Kretschmann mit seiner Ehefrau Gerlinde rechts und Landtagspräsidentin Muhterem Aras. //102.

Politik ist manchmal wie Dating. Manche potenziellen Partner können sich x-mal treffen und kein Funke springt über. Und bei anderen bimmeln schon nach dem ersten Treffen gleich im Kopf die Hochzeitsglocken. So wie bei der CDU und den Grünen in NRW. Wer wissen will, warum bestimmte Funktionäre der Christdemokraten ein Bündnis mit den Grünen so sexy finden, der sollte den Katholikentag in Stuttgart genauer in den Blick nehmen.
Denn dieser „Katholikentagsspirit“ ist es, der den atmosphärischen Kitt zwischen Schwarzen und Grünen bildet. Die Unionsparteien sind schon lange nicht mehr die dominante Kraft des politischen Katholizismus. Diese Rolle haben die Grünen mittlerweile längst übernommen. Man muss nur in das Programm in Stuttgart schauen: Klima, Migration, LGBTQ – die Themen-Agenda ist grün bestimmt. 

Katholische Laien übernehmen die grüne Agenda

Der Unterschied zu früher: Während der politische Katholizismus als wichtige Säule im Gefüge der Unionsparteien programmatische Impulse in die Partei abgab, ja vielfach sogar die einzige Milieugruppe in der Partei war, in der überhaupt programmatisch gedacht wurde und so die politisch engagierten Laien der CDU ihren Stempel aufgesetzt haben, ist es nun genau umgekehrt. Nicht die katholischen Laien positionieren ihre Themen in der Politik, sie übernehmen die grüne Agenda, passen sich in Habitus und Sprache den grünen Funktionären an und instrumentalisieren sich so selbst zur Lobbygruppe grüner Politik um. 

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Die Union wiederum war schon immer denkfaul, hat kein Sensorium für das Verhältnis von Zeitgeist und Politik und sie leidet unter einem Phantomschmerz: Man möchte ja gerne wieder politisch ausbuchstabieren, was das „C“ politisch bedeuten könnte, aber es fehlt am passenden Personal dafür, wie an den innerparteilichen Gesprächskreisen, in denen darüber diskutiert werden könnte. 

Und da kommt dann der grüne „Katholikentag“ ins Spiel. Wird hier nicht eine vermeintliche C-Agenda präsentiert, an die man einfach andocken kann? Besonders verführerisch dabei: Es entsteht auch noch eine Macht-Option. NRW und Schleswig-Holstein zeigen, dass man mit den Grünen als Koalitionspartner eine Regierung bilden kann. Warum auch nicht bald im Bund? Kurz: Schwarz-Grün ist sexy, weil die CDU so die eigene inhaltliche Leere übertüncht, ja sich sogar dem gesellschaftlichen Mainstream als Teil einer programmatischen Avantgarde präsentieren kann und gleichzeitig – für die Union der eigentlich wichtigste Punkt – auch noch Zugriff auf die Regierungsmacht bekommt. 

Schwarz ist nur die Zukunft

Dass solche Bündnisse sich zwar schwarz-grün nennen, tatsächlich aber grün-schwarz sind, wird verdrängt. Denn wer wirbt hier eigentlich um wen? Die Schwarzen um die Grünen, nicht umgekehrt. Die Union muss immer mehr Anstrengungen aufbringen, damit sie auch weiter dem grünen Partner gefällt. Sie sitzt in einer grünen Spirale fest, die sie immer weiter nach unten zieht. Aber wie das bei älteren Herren so ist, die glauben, eine junge Eroberung gemacht zu haben, man wirft sich den Katholikentagsschal lasziv um die Schultern und findet alles wunderbar. Schwarz ist dabei nur die Zukunft.

Lesen Sie weitere Hintergrundberichte und Reportagen vom Katholikentag in Stuttgart in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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