Moskau

Putins Anschlag auf die Religionsfreiheit

Die politischen und pseudo-religiösen Rechtfertigungen Putins und Kyrills sind längst als Propagandalügen entlarvt. Putins Invasion hat auch die Religionsfreiheit im Visier. Ein Kommentar.
Russlands Machthaber Wladimir Putin
Foto: IMAGO/Sergei Savostyanov (www.imago-images.de) | Auf Putins Abschussliste sind die unierten Katholiken ebenso wie die von Moskau unabhängigen, autokephalen Orthodoxen.

Der Raketenbeschuss von Krankenhäusern, Einkaufszentren, Schulen und Kirchen jeder Konfession, aber ebenso die offenbar planmäßigen Menschenrechtsverletzungen in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine haben die Propaganda Putins, er sei zur Befreiung der unterdrückten Russen ins Nachbarland eingefallen, längst widerlegt. Das brutale Vorgehen der russischen Soldaten und die pseudo-religiösen Rechtfertigungsversuche Patriarch Kyrills entlarven auch das Lügenkonstrukt vom „heiligen Russland“. Was soll da heilig sein, angesichts schwindelerregend hoher Abtreibungsraten, zerrütteter Familien, alltäglicher Gewalt, allgegenwärtiger Korruption und einer sozialen Schieflage, bei der die breite Masse darbt, während sich ein Prozent – die Günstlinge des klientelistischen Putinismus – in dekadentem Luxus wälzt?

Findet in der Ukraine ein Religionskrieg statt?

Patriarch Kyrill gibt alledem ebenso seinen Segen wie der barbarischen Invasion Putins in der Ukraine. Wenn sich Kyrill schon nicht für die sozialen Probleme, die Vetternwirtschaft, die tyrannischen Strukturen und die Auftragsmorde seines Paten im Kreml interessiert, dann sollte ihn zumindest stören, dass ein Gebiet, das er (höchst fragwürdig) zu seinem „kanonischen Territorium“ zählt, in Grund und Boden gebombt wird, dass Frauen vergewaltigt und Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden. Wäre der Patriarch ein Christ, könnte ihn das Leiden und Sterben der Menschen nicht kalt lassen.

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Und auch nicht die zahllosen Verstöße gegen die Religionsfreiheit durch Putins Truppen. Mittlerweile haben die Vereinten Nationen die massenhafte Verschleppung von Ukrainern nach Russland und die zahlreichen Folterungen und Hinrichtungen in den besetzten Gebieten angeprangert. Nahezu unbeachtet ist bisher das offenbar angeordnete Vorgehen der Besatzungsarmee gegen Priester und Mönche. Wenn es stimmt, was der orthodoxe Metropolit von Lemberg, Dimitrij Rudjuk, der „Tagespost“ versichert, dass russische Soldaten mit vorformulierten Fragebögen nach Priestern fahnden und jene, die nicht der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“ angehören, vertreiben oder foltern und ermorden, dann findet in der Ukraine auch ein Religionskrieg statt.

Russifizierung heißt Unterdrückung der Katholiken

Es ist geschichtlich belegt, was der unierte Erzbischof Boris Gudziak im Interview behauptet, dass eine russische Eroberung ukrainischen Gebiets immer mit einer Verfolgung der Katholiken des byzantinischen Ritus einherging. Russifizierung hieß für Zaren wie für Kommunisten stets auch Unterdrückung der Katholiken, insbesondere der mit Rom unierten. Wenn die katholischen Bischöfe des byzantinischen Ritus nun nicht in ihrer ukrainischen Heimat, sondern in der polnischen Grenzstadt Przemyśl tagten, dann auch, damit Putin nicht mit einer einzigen Rakete vollenden kann, was Stalin 1946 mit seinem Vernichtungsschlag begann. Die leidgeprüfte unierte Kirche weiß, dass es bei der Verteidigung der Heimat nicht nur um Politik oder Territorien geht, sondern um ihr Überleben.

Auf Putins Abschussliste sind die unierten Katholiken ebenso wie die von Moskau unabhängigen, autokephalen Orthodoxen. Das zeigt sich bereits in den von Moskau kontrollierten Gebieten: Auf der Krim gab es vor der Okkupation 49 unabhängige orthodoxe Gemeinden, heute nur mehr fünf. Stattdessen hängen in allen Klassenzimmern Fotos von Putin, wie eine aus der Krim geflohene junge Ukrainerin erzählt.

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