Wien

Porträt der Woche: Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer hat deutschsprachigen Sound der vergangenen Jahrzehnte geprägt. Doch jetzt vergreift er sich im Ton.
Herbert Grönemeyer
Foto: dpa | Mit einer Ansage bei einem Konzert in Wien, deren Mitschnitt von den sozialen Medien schnell geteilt wurde, ist Herbert Grönemeyer nun in die Schlagzeilen gerückt

„Männer“, „Was soll das?“, „Mensch“ – wie kaum ein anderer Popstar hat Herbert Grönemeyer den deutschsprachigen Sound der vergangenen Jahrzehnte geprägt. Und nicht nur das: Auch als Schauspieler („Das Boot“, „Frühlingssymphonie“) und Aktivist („Deine Stimme gegen Armut“) sorgte der 1956 in Göttingen geborene Sänger, Pianist und Songwriter stets für Aufsehen. Politische Themen waren ihm nie fremd. Dass er links von der Mitte steht, daraus hat Grönemeyer nie einen Hehl gemacht. Bereits Ende der 1980er Jahre widmete er dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl ein sarkastisches Lied („Ein Lächeln liegt über diesem Land, grinst unerträglich ignorant“).

Mit einer Ansage bei einem Konzert in Wien, deren Mitschnitt von den sozialen Medien schnell geteilt wurde, ist Herbert Grönemeyer nun selbst in die Schlagzeilen gerückt.

"... auch wenn Politiker schwächeln – und das ist,
glaube ich, in Österreich nicht anders als bei uns
in Deutschland – dann liegt es an uns,
zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat"
Herbert Grönemeyer

Was nicht nur an der aggressiv-grölenden Stimme liegt, die manche Rezipienten der Amateuraufnahme mit der NS-Zeit assoziieren. Grönemeyers Worte, die beim Wiener Publikum gut ankamen, irritieren inhaltlich: „... auch wenn Politiker schwächeln – und das ist, glaube ich, in Österreich nicht anders als bei uns in Deutschland – dann liegt es an uns, zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so eine Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel, für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze.“

Damit nicht genug: „Die Gesellschaft ist offen, humanistisch, bietet Menschen Schutz ... – und wir müssen diesen Menschen so schnell wie möglich und ganz ruhig den Spaß daran austreiben. Keinen Millimeter nach rechts! Keinen einzigen Millimeter nach rechts! Und das ist so und das bleibt so!“ Besonders die Formulierung „diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat“ sorgt bei Kritikern und Anhängern des Künstlers für Diskussionsstoff: Hat Grönemeyer damit nicht selbst die Grenze zum Totalitarismus, zum Faschismus, vor dem er doch eigentlich warnen will, überschritten?

Wie tolerant ist jemand, der seine Musik für Parolen wie "Keinen Millimeter nach rechts!" instrumentalisiert?

Lesen Sie auch:

Wie tolerant, demokratisch und offen für andere politische Anschauungen ist jemand, der seine Musik bewusst dazu instrumentalisiert, Parolen wie „Keinen Millimeter nach rechts!“ bei seinen Zuhörern zu verankern? Für den deutschen Außenminister Heiko Maas besteht offenbar kein Grund zur Sorge. Demonstrativ dankbar teilte er bei Twitter das Video mit der Grönemeyer-Ansprache, quasi als Leitbild, wie es heute gemacht wird: „für eine freie Gesellschaft einzutreten“. Die „Tumult“-Tournee Herbert Grönemeyers, die im Februar 2019 begann, ist damit spektakulär und angemessen zum Titel zu Ende gegangen.

Themen & Autoren
Stefan Meetschen Das dritte Reich Heiko Maas Helmut Kohl Herbert Grönemeyer Portrait der Woche Totalitarismus

Weitere Artikel

Vor 100 Jahren formulierte Richard Coudenhove-Kalergi jene Vision, die einige Katastrophen später zur Einigung Europas führte. Der Paneuropa-Gründer selbst blieb ein privater Staatsmann.  
18.11.2022, 19 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Drei Pariser Innenstadtkirchen sind im Laufe einer Woche Brandanschlägen zum Opfer gefallen. Stadt und Polizeipräsidium kündigen Sicherheitsmaßnahmen an.
26.01.2023, 16 Uhr
Meldung
Die Laieninitiative entlarvt Bätzings Reaktion auf die römische Anordnung als strategischen Trick und plädiert für einen sofortigen Stopp des Synodalen Ausschusses.
26.01.2023, 14 Uhr
Meldung
Patriarch Bartholomaios attackiert das Moskauer Patriarchat und ruft die orthodoxen Kirchen weltweit zur Anerkennung der ukrainischen Autokephalie auf.
26.01.2023, 08 Uhr
Meldung
1918 ernannte Papst Benedikt XV. Matulaitis zum Bischof der litauischen Hauptstadt Vilnius.
26.01.2023, 21 Uhr
Claudia Kock
Der Synodale Weg sei weder „hilfreich noch seriös“, erklärt der Papst in einem Interview. Er äußert sich auch zu Homosexualität, dem verstorbenen Emeritus und seinem Gesundheitszustand.
25.01.2023, 14 Uhr
Meldung