Planet Deutschland

Mit Demut und Realismus lassen sich die Herausforderungen des neuen Jahres meistern – und mit den Werkzeugen der Psychologie. Von Stefan Meetschen

Ein neues Jahr hat begonnen, und man fragt sich: wie wird es sein – für einen selbst, die Familie und das Land, in dem man lebt. Kein Grund zur Sorge? Sicherlich nicht für die Bundeskanzlerin, die bei ihrer Neujahrsansprache 2019 würdevoll ihren sukzessiven Rückzug zelebrierte und recht losgelöst wirkte. Sie benutzte die Bilder der Internationalen Raumstation ISS, die „unsere mitteleuropäischen Landschaften“ zeigen, erinnerte an die „Schicksalsfrage des Klimawandels“ – damit wird man bei der Mehrheit der klima- und ökobewussten Deutschen auch im neuen Jahr punkten können. Auto-Nation hin oder her. Und natürlich mit den Werten, die „unser Land stark gemacht“ haben, nämlich: „Offenheit, Toleranz und Respekt“. Bei allem Sinn für rhetorisches Konfetti: Zweifel sind erlaubt, ob dies wirklich die Werte waren, welche die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, dieser „großen Scheiße“, wie Helmut Schmidt sagte, bewegten. Das „Wirtschaftswunder“ der 1950er Jahre war vor allem das Ergebnis von Leistungswille, Bescheidenheit und Zusammengehörigkeitsgefühl, gemischt mit Schuldgefühlen angesichts der Verstrickung in den Massenwahn der Hitler-Zeit.

Schöne Tugenden, die den „Wirtschaftswunder“-Kindern und -Enkeln im Neuen Jahr gut zu Gesicht stünden, doch ist man davon nicht Lichtjahre entfernt? Deutschland ist nun, wie Angela Merkel selbstbewusst funkte,„für zwei Jahre Mitglied im UN-Sicherheitsrat“. Wieso ausgerechnet einem Land, dessen innere Sicherheit seit Jahren außer Kontrolle zu geraten droht, diese Ehre zuteil wird, wissen wohl nur die diplomatischen Weltversteher. Mehr deutsche Demut wird der Sitz nicht bewirken. Leider.

Dabei stünden Demut und Realismus dem Land auch im Kontext der Europawahl, die im Frühjahr 2019 das dominierende Ereignis sein wird, gut zu Gesicht. Viel europäisches Porzellan ist in den zurückliegenden Jahren auf der deutschen Umlaufbahn zerschlagen worden. Die Hybris der politisch Verantwortlichen spiegelt sich wider im Gebaren der Zivilgesellschaft. Egal, ob es um den Willen amerikanischer, italienischer, polnischer oder österreichischer Wähler geht – die Deutschen wissen besser, was in den jeweiligen Ländern richtig für die Demokratie wäre. Doch niemand hat sie gefragt.

Auch nicht die Briten, die in diesem Jahr, wenn der Wille der Wähler respektiert wird, den „Brexit“ machen werden. Es lohnt sich, bei „youtube“ Argumente für diesen Schritt aus dem Mund des konservativen katholischen Abgeordneten Jacob Rees-Mogg zu vernehmen, der die älteste Demokratie der Welt durch die derzeitigen EU-Strukturen bedroht sieht. Die sogenannte „Pariser Erklärung“ von 2017, ein intellektuelles Manifest, an dem auch der jüngst verstorbene Philosoph Robert Spaemann beteiligt war, ist ebenfalls hilfreich, wenn man das „richtige“ und „falsche“ Europa erkennen will. Pflichtlektüre für 2019!

Aber lassen sich die Herausforderungen des neuen Jahres allein politisch und diplomatisch lösen? Schaut man auf die zunehmenden Aggressionen, welche gerade identitätspolitische Themen begleiten, kommt man nicht umhin, auch der psychologischen Ebene einen großen Stellenwert einzuräumen. Der kanadische Bestsellerautor und Psychologieprofessor Jordan B. Peterson („Twelve Rules For Life“) empfiehlt, zu prüfen, ob Worte, die eine Person sage, tatsächlich von ihr selbst stammen oder ob sie nicht auch von jemand anderem, der dem gleichen ideologischen „mind-set“ angehöre, genauso gesagt werden könnten. Peterson spricht in diesem Fall von einer „ideologischen Besessenheit“, welche die menschliche Originalität verstelle. Er muss es wissen: Als jemand, der einen neuen Totalitarismus aufziehen sieht, wurde er massiv mit Versuchen konfrontiert, seine Redefreiheit zu beschneiden. Angela Merkel aber behält den Planeten Deutschland weiter im Visier und dreht ihn mit saturnischer Langsamkeit.

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