Wie integrieren?

Jens Spahn plädiert beim Katholikentag für offene Debatten. Von Stefan Rochow

Katholikentag
Jens Spahn vertrat auf dem Podium die Position der Union. Er war kurzfristig für Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) eingesprungen, der wegen Wetterproblemen nicht anreisen konnte. Foto: dpa

Integriert Euch!“, so lautete ein Podium auf dem Katholikentag in Münster. Besonders stand im Mittelpunkt, wer sich integrieren soll und vor allem wohin. Die Frage „Was ist Heimat?“, bildete einen guten Einstieg in eine Debatte, die auch fast drei Jahre nach der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 noch immer kontrovers diskutiert wird. Bei den Podiumsgästen gab es eine unterschiedliche Interpretation von Heimat.

Für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist Heimat da, wo er sich nicht erklären muss. „Heimat ist mir wichtig und etwas, was jeder braucht“, so der CDU-Politiker. Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes Peter Neher sieht seine Heimat dort, wo „Freunde sind und man Beziehungen aufbauen kann“. Heimat, so Neher, habe etwas mit Menschen, Sprache und Essen zu tun. Die Soziologie-Professorin Annette Treibel sieht in Heimat den Ort, an dem sie sich angenommen fühlt. Einig waren sich die Teilnehmer auch darüber, dass niemand einfach so seine Heimat verlassen würde. Trotzdem wirkte die ganze Debatte an diesem Tag seltsam verdruckst. Die Moderation bemühte sich immer wieder an Beispielen aufzuzeigen, dass Integration gelingen kann. So arbeitet Aria Patto seit einigen Monaten als Integrationshelfer in der Nähe von Vechta. Der junge Mann kam selber 2015 als Flüchtling nach Deutschland. In Damaskus hatte er vorher unter anderem katholische Theologie studiert. Patto sagt, dass Integration keine Einbahnstraße sein kann. Auf der einen Seite müssen Flüchtlinge den Integrationswillen mitbringen und auf der anderen Seite müssen auch die Einheimischen die Bereitschaft entwickeln, sich auf die Integration der Menschen einzulassen. Bei dem jungen Syrer war es der Sport, der ihn in Kontakt mit den Menschen brachte. In seinem Fußballverein fühlte er sich schnell angenommen.

Was bei Aria Patto funktioniert hat, ist aber nach wie vor die große Herausforderung. Nicht selten bilden geflüchtete Menschen ihre eigene Community und suchen kaum den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Immer wieder berichten ehrenamtliche Flüchtlingshelfer von solchen Problemen, die zu Frust bei den Helfern führen. Auf dem Podium in Münster spielte dieses Thema allerdings keine Rolle. Vielmehr wurde die Diskussion an diesem Tag ausschließlich auf die einheimischen „Integrationsverweigerer“ gelenkt. Diese, so Annette Treibel, würden sich der Realität verweigern und lediglich eine „Skandalwelle“ reiten, um Stimmung gegen geflüchtete Menschen zu machen.

Caritas-Präsident Peter Neher machte deutlich, dass die Anstrengungen bei der Integration erhöht werden müssen. Neher ist der Auffassung, dass die Integrationsdebatte im Moment in der Öffentlichkeit untergehe. Die Debatte um Sicherheitsfragen und Abschiebung dürften nicht die Integrationsbemühungen überlagern.

Neher erinnerte weiter daran, dass es sich bei Flüchtlingen, die nach deutsche Recht abgeschoben werden, um eine Minderheit handele. Der Caritas-Präsident warnte daher die Politik davor, mit einer zu starken Fokussierung auf Sicherheitsfragen die Integrationsbemühungen zu überlagern.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vertrat eine andere Position. Er freue sich immer wieder, wenn er Beispielen einer gelungenen Integration begegnen würde. „Dann fahre ich immer sehr zufrieden von solchen Terminen weg. Am nächsten Tag erlebe ich dann nicht selten genau das Gegenteil von meinem vorherigen Erlebnis“, so Spahn. Daher müssten Probleme bei der Integration von Migranten auch offen angesprochen werden. Was vor 2015 ein Tabu gewesen sei, würde nun offen in Debatten diskutiert werden. Das sei gut so. Für Annette Treibel ist die Zeit für Debatten um Migration günstiger den je. Es sei zwar noch zu früh, wissenschaftlich seriös die Veränderungen zu bewerten. Tatsache sei aber, dass sich seit 2015 in Deutschland etwas verändert habe.

Deutlich wurde, dass es einen Königsweg bei der Integration nicht gibt. Die Debatte wird uns daher vermutlich noch einige Zeit begleiten. Sie zeigt aber auch: Führt man sie ehrlich, kann sie das Land voranbringen.