Vorboten einer Wende

Die Religiosität unter muslimischen Arabern schwindet. Dies zeigt eine Studie der BBC. Von Klemens Ludwig

Vorbeter in einer Moschee
Die Alltagsfrömmigkeit - das Gebet gehört dazu - nimmt ab. Foto: dpa
Vorbeter in einer Moschee
Die Alltagsfrömmigkeit - das Gebet gehört dazu - nimmt ab. Foto: dpa

Wenn vom Islam und seinem wichtigsten Träger, der arabischen Welt, die Rede ist, denken viele an tiefe Frömmigkeit, große Hingabe, volle Moscheen und Eifer in der Verbreitung des Glaubens. Andere denken an Intoleranz gegenüber den Kufr, den „Ungläubigen“ und Militanz, die sich nicht nur in Attentaten von Fanatikern äußert, sondern auch in zahllosen Übergriffen einfacher Gläubiger gegen nicht-muslimische Minderheiten, wie die Beispiele Pakistan, Indonesien, Ägypten, Türkei dokumentieren.

Jenseits dieser Extreme lässt eine Studie, die der britische BBC bei der Princeton-Universität in Auftrag gegeben hat, aufhorchen. Dabei geht es um die Frage, wie wichtig sind Religion und Glaube in der arabischen Welt. Die Studie erstreckte sich über Nord-Afrika und den Nahen Osten mit Ausnahme von Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Die dortigen Regierungen wollten die Interviews kontrollieren, was die Princeton-Universität nicht akzeptiert hat. Insgesamt wurden 25 000 Menschen aller Schichten und Altersklassen befragt.

Spitzenreiter bei „Ungläubigen“: Tunesien

Das Ergebnis: Im gesamten Befragungs-Raum bezeichneten sich 13 Prozent als „nicht-religiös“, bei den Menschen unter 30 sogar 18 Prozent; Tendenz steigend. Vor fünf Jahren hatten sich nur acht Prozent dazu bekannt, „nicht-religiös“ zu sein. Spitzenreiter der „Ungläubigen“ ist Tunesien, wo die Zahl bei 30 Prozent liegt. Vor fünf Jahren waren es nur halb so viel.

Die einzige Ausnahme bildet das vom Bürgerkrieg, Zerfall der staatlichen Strukturen und Hungerkatastrophen gebeutelte Jemen, wo die Absage an die Religion von zwölf auf fünf Prozent gesunken ist. Religion vermittelt Zusammenhalt und Sinn im Elend. Das Sprichwort „Not lehrt beten“ gilt offenbar auch dort. Dazu kommt, dass der südliche Landesteil bis zur Vereinigung 1990 von einer sozialistisch-atheistischen Einheitspartei regiert wurde, so dass ein religiöser Nachholbedarf besteht.

Allerdings ist die Verbindung von Elend, Bürgerkrieg und Religiosität nicht zwingend, denn in Libyen, wo die staatlichen Strukturen ebenfalls weitgehend zerfallen sind, ist die Wachstumsrate der „Nicht-Religiösen“ am stärksten; sie stieg von neun auf 25 Prozent. Im Irak blieb sie konstant bei fünf Prozent.

Frage nach den Ursachen der Entwicklung drängt sich auf

Somit drängt sich die Frage nach den Ursachen für diese Entwicklung auf und ob damit insgesamt eine Trendwende hin zur Schwächung des Islam als entscheidende politische und gesellschaftliche Kraft einhergeht?

Die Verfasser der Studie sowie Islamwissenschaftler sehen vor allem zwei Gründe: Der Einfluss vom Internet und den sozialen Medien sowie der Absolutheitsanspruch und die Intoleranz des politischen Islam.

Die digitale Welt ermöglicht – bei allen Kritikpunkten – einen eigenen und selbstbestimmten Zugang zu religiösen Themen, der vor allem von jungen Menschen genutzt wird. Sie sind nicht länger der Deutungshoheit der zumeist konservativen Imame ausgesetzt. So wachsen Zweifel an dem Absolutheitsanspruch der religiösen Autoritäten, die vielen Jungen immer weniger zu sagen haben. Generell gilt, je höher das Bildungsniveau und der Zugang zu ungefilterten Informationen, desto stärker die Abkehr von der Religion.

Die andere wesentliche Ursache ist die Dominanz des politischen Islam, der für sich in Anspruch nimmt, alle Bereiche des Lebens aller Menschen zu reglementieren. Besonders extrem ist dies in Algerien, einem säkularen islamischen Staat. Das Kopftuch zum Beispiel ist dort nicht vorgeschrieben. Dennoch tragen es viele Frauen höchst widerwillig. Immer wieder kommt es nämlich zu Übergriffen von Fanatikern gegen Frauen, die ihr Haar offen tragen.

Intoleranz erdrückt Alltagsfrömmigkeit

Diese Intoleranz und Dominanz hat häufig die Alltagsfrömmigkeit erdrückt. Viele der Befragten, die sich dazu bekannten, „nicht-religiös“ zu sein, gaben an, sich auf diesem Hintergrund vollständig von der Religion abgewandt zu haben.

Insgesamt überraschen diese Zahlen auch deshalb, weil der Islam in der nicht-arabischen Welt vordergründig betrachtet eine immer einflussreichere Rolle spielt, sowohl in den Staaten, in denen er die Mehrheit bildet, als auch in der christlich-abendländischen Welt. Ob hier dagegen eine Entwicklung ihren Anfang nimmt, die bald auf die übrige islamische Welt übergreifen könnte, lässt sich noch nicht absehen. Bei näherer Betrachtung ist die Entwicklung uneinheitlich.

Während im einstmals toleranten und säkularen Vorzeige-Staat Indonesien der konservative Islam zu einer politischen Macht geworden ist, an der niemand mehr vorbeikommt und Parolen wie „Muslime wählen keinen Christen“ selbst in den Metropolen die islamischen Massen mobilisieren, hat die Bürgermeisterwahl von Istanbul die Grenzen der Agitation für einen der einflussreichsten Vertreter des politischen Islam aufgezeigt.

Der gesamte Wahlkampf von Erdogans AKP war darauf zugeschnitten, den Kandidaten der Oppositionspartei, den CHP-Politiker Ekrem Imamoglu, als „schlechten Muslim“, ja sogar als „Griechen“ darzustellen, weil er aus einem Gebiet am Schwarzen Meer stammt, wo vor dem Völkermord von 1915 zahlreiche Griechen gelebt haben. Diese Strategie ist bekanntlich krachend in der letzten Woche mit dem Sieg Imamoglus gescheitert.