Leitartikel: Weckruf aus Rom

Der Heilige Vater hat dem "synodalen Weg" keine grundsätzliche Absage erteilt. Enthusiastisch ermutigt hat er dazu aber auch nicht. Im Gegenteil. Von Oliver Maksan

Wie der Brief von Papst Franziskus zu bewerten ist
Der Papst hat einem „synodalen Weg“ keine grundsätzliche Absage erteilt. Das gibt der Brief sicher nicht her. Enthusiastisch ermutigt hat er zu diesem Weg aber auch nicht. Foto: Evandro Inetti (ZUMA Wire)

Je näher der Beginn des „synodalen Wegs“ rückt, desto politisierter erscheint die Kirche in Deutschland. Der Brief des Papstes (s. S. 33–36) an die deutschen Katholiken wurde jetzt interpretiert, wie es Parteien mit einem für sie ungünstigen Wahlergebnis tun. Selbst aus schlechten Zahlen wird noch Honig gesaugt, werden Regierungsbildungsaufträge herausgelesen. Kardinal Marx und ZdK-Präsident Sternberg jedenfalls meinten gleich, im Brief eine große Ermutigung für ihr Projekt „synodaler Weg“ sehen zu dürfen. Ist das so?

"Man muss hoffen, dass Bischöfe
und Verbandsfunktionäre den Brief
aufmerksam lesen und beherzigen"

Ja, es ist wahr, der Papst hat einem „synodalen Weg“ keine grundsätzliche Absage erteilt. Das gibt der Brief sicher nicht her. Enthusiastisch ermutigt hat er zu diesem Weg, wie er von seinen Machern und lautstärksten Befürwortern geplant wird, aber auch nicht. Dass der Papst es als notwendig ansah, überhaupt einen Brief dieser Länge zu schreiben, zeigt, dass man auf weltkirchlicher Ebene in Sorge ist, dass die Kirche in Deutschland auf Abwege gerät. Anders als beim letzten Ad limina-Besuch, als sich Deutschlands Kirchenverantwortliche mehrheitlich mühten, die mahnenden Papstworte als dem Papst untergeschoben zu betrachten, wird man den Brief nicht einfach ad acta legen können. Nach Inhalt und Stil ist er erkennbar kein Referentenentwurf, sondern ipsissima vox des Papstes. Man muss hoffen, dass Bischöfe und Verbandsfunktionäre den Brief aufmerksam lesen und beherzigen.

Spirituelle Leitplanken, die beachtet werden müssen

Denn der Papst hat Dimensionen angemahnt, die nicht nur in der unmittelbaren Vorbereitung des „synodalen Wegs“, sondern im kirchlichen Leben Deutschlands überhaupt zu kurz kommen. Ganz nach seiner Art hat Franziskus spirituelle Leitplanken eingezogen, die beachtet werden müssen, soll das ganze Unternehmen nicht im Graben landen. Dass er Gebet und Fasten als Vorbereitung anmahnte, wirkt angesichts der technischen Herangehensweise strukturreformerischer Kreise wie ein Ruf vom anderen Stern. Was nüchtern und taktisch wie ein Parteitag geplant wird, kann aber von vornherein kein kirchliches Ereignis sein. Der Heilige Vater hat zudem deutlich gemacht, dass die Gemeinschaft mit der Weltkirche nicht vergessen werden darf.

Eindringlich spricht er vom Sensus ecclesiae, vom Sinn, mit der Gesamtkirche zu fühlen, und ruft der Kirche in Deutschland ihren teilkirchlichen Staus ins Gedächtnis. Das ist angesichts der seit Jahrzehnten erkennbaren nationalkirchlichen Tendenzen in Deutschland eine wichtige Mahnung. Tatsächlich hat die hiesige katholische Kirche mit der Frage des Kommunionempfangs für nicht-katholische Ehepartner sowie der laxen Auslegung von „Amoris laetitia zuletzt große Sprünge auf der schiefen Ebene der Protestantisierung gemacht. Ein „synodaler Weg“, der in anglikanischer Manier nur noch die äußere lose Einheit suchte, in der Doktrin aber kulturkreisbezogene „Lösungen“ zuließe, würde auf dieser Ebene weiterrutschen.

Synodaler Weg könnte Akt der Selbstvergewisserung in Christus sein

Würde man dem Papst folgen, könnte ein „synodaler Weg“ ein Akt der Selbstvergewisserung in Christus sein. Die Kirche würde durch das Hören auf den Heiligen Geist aus ihrer Lethargie gerissen, in der sie Kirchensteuer und eine falsche theologische Prioritätensetzung gefangen halten. Sie würde erkennen, dass ihr Auftrag nicht darin besteht, Staat und Gesellschaft Hilfestellung zu leisten, sondern den lebendigen, Christus zu verkünden – sei es gelegen, sei es ungelegen.