Leitartikel: Kreuzweg durch Mexiko

Von Regina Einig

Regina Einig. Foto: DT
Regina Einig. Foto: DT

Wenn Papst Franziskus heute abend die Eucharistiefeier in der Basilika von Guadalupe gefeiert hat, wartet auf ihn ein steiler Kreuzweg. An den Rändern Mexikos muss der Nachfolger Petri harte Überzeugungsarbeit leisten, wenn die Reise ein Erfolg werden soll. Der Jubel von Millionen Latinos ist nicht zu verwechseln mit wirklicher Zustimmung zu den Positionen des Pilgers aus Rom. Vielen Armen fehlt das Verständnis für das konsequente Nein des Papstes zu jeder Form des Drogenhandels. Drogenbarone genießen in Mexiko Kultstatus. Sie gerieren sich als Helden und Beschützer der Armen. Nicht wenige bettelarme Mexikaner sehen keine Alternative zum Drogenanbau und sind froh, wenn ein zwielichtiger Patron ihre Existenznot lindert, weil sie von den korrupten Behörden ohnehin nichts erwarten. Die resignierten Herzen zu sensibilisieren für Würde und Recht und den glimmenden Docht der Hoffnung zu erhalten, dürfte Schwerstarbeit für Papst Franziskus werden.

Objektive Aussicht auf Besserung gibt es derzeit nicht. Mexiko fehlt ein „Plan Colombia“. Im Kolumbien, wo Staatspräsident Juan Manuel Santos den Besuch des Papstes für 2017 bestätigt hat, konnte die Regierung mit Hilfe der USA in fünfzehn Jahre die Statistik der Morde und Entführungen deutlich senken und den Drogenanbau einigermaßen in den Griff bekommen.

Mexiko präsentiert sich heute als ein kulturell und ethnisch reiches Land im Stadium der Dekadenz: Die Geißeln Lateinamerikas – Drogenkrieg, Kriminalität und Armut – schlagen unaufhörlich Wunden, während das Tor für die Dämonen Nordamerikas offen steht: Straffreie Abtreibungen sind im Distrikt Mexiko erlaubt. Mehrere Bundesstaaten haben die Homo-„Ehe“ oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften legalisiert. Aus bürgerlichen Kreisen wächst der Druck auf die Kirche, ihre Morallehre stillschweigend ad acta zu legen.

Wieviel Apostolatseifer der päpstliche Appell, an die Ränder zu gehen, katholischen Seelsorgern und Laien abverlangen kann, zeigt sich in Mexiko deutlicher als in Europa. In keinem traditionell katholischen Land besteht heute für Priester mehr Gefahr, ermordet zu werden. Der Papst geht den Seelsorgern mit gutem Beispiel voran und reist in die für ihre hohe Kriminalität berüchtigte Grenzstadt Ciudad Juárez. An politischer Symbolkraft reicht diese Station durchaus an den Besuch in Lampedusa heran. Tausende Migranten sind umgekommen beim Versuch, den Rio Grande zu überqueren und das Gelobte Land Amerika zu erreichen. Im amerikanischen Wahlkampf hat die Stimme des Papstes Orientierungswert für katholische US-Wähler, deren Ortskirchen gespalten sind in heiklen politischen Fragen wie dem Umgang mit den elf Millionen Immigranten, die ohne Papiere in den USA leben. Viele Katholiken auf beiden Seiten der Grenze erhoffen sich von Papst Franziskus eine klare Absage an Pläne republikanischer US-Politiker wie Donald Trump, die Grenze durch eine Mauer zu sperren.

Dass sich der 79-Jährige auf dieses politische Minenfeld wagt und die Strapazen eines sechstägigen Marathons nicht scheut, wirkt schon zum Auftakt wie Medizin gegen die alte Angst lateinamerikanischer Katholiken: jener, in Rom zu kurz zu kommen gegenüber den reichen Ortskirchen Europas und Nordamerikas.