Leitartikel: Im Kreuz wird sichtbar, wer wir sind

Europa braucht das Kreuz, weil die gefallene Menschheit Christus braucht. Und zwar nicht im sakralen Ghetto, sondern weithin erkennbar im öffentlichen Raum. Von Stephan Baier

Wem gehört das Kreuz? Wo gehört es hin? Darf es Kirchen und Kapellen, Bäuche von Bischöfen und Hälse von Betern schmücken, nicht aber Staatswappen, Gerichtssäle, Bergesgipfel und Schulen? Kurienkardinal Gianfranco Ravasi hat die Debatte wiederbelebt, die der Kreuz-Erlass des Bayerischen Ministerpräsidenten entfachte. Ravasi, Präsident des Päpstlichen Kulturrates, warnte vor einer Instrumentalisierung und politischen Verzweckung christlicher Symbole. Ein Thema, mit dem ja alle Konfessionen Erfahrung haben. Was wurde im Laufe der Jahrhunderte nicht alles gesegnet und im Namen des Kreuzes erklärt! Ja, christliche Symbole wurden und werden instrumentalisiert – nicht nur von Politikern.

Das Kreuz jedoch ist selbst ganz ursprünglich Symbol eines Missbrauchs: Politische Macht missbrauchte sein Holz zur grausamen Ermordung von Menschen. Der Erlöser aber, der sterbend unsere Sünden auf sich nahm, machte es zum Zeichen der Hoffnung und des Heils. Deshalb schämen sich Christen des Kreuzes nicht, sondern bekennen sich offen und öffentlich dazu: Das gilt aber nicht bloß für Kleriker, sondern für alle auf Christi Tod Getauften.

Weil das Christentum in Europa jahrhundertelang die Kraft hatte, Menschen in ihrer ganzen Existenz für den Glauben zu gewinnen, darum schmücken Kreuze und Ikonen, Marienbilder und Heiligenstatuen unsere Häuser, Brücken, Städte, Fluren. Weil sich Herrscher vergangener Zeiten ihrer Verantwortung vor Gott bewusst waren und ihr Knie vor dem Allmächtigen beugten, darum finden wir Kreuze in Staatswappen und eine Anrufung Gottes zumindest vereinzelt in den Verfassungen mancher Staaten. Ist das alles unzulässige Instrumentalisierung, warum hat die Kirche dann christliche Monarchen und Missionare heiliggesprochen?

Wohl gab es auch Missbrauch, weil Menschen (selbst spätere Kardinäle) durch die Taufe nicht zu Engeln oder Heiligen werden. Und doch hatte und hat die optische Präsenz des Kreuzes im öffentlichen Raum die Funktion, Große wie Kleine daran zu erinnern, wer unser aller Herr und Retter ist.

Das demütig machende Heilszeichen des Kreuzes setzt den Allmachtsfantasien der Mächtigen eine Grenze, und schützt gerade so die Machtlosen. Atheistische Terrorregime versuchten, christliche Zeichen und Symbole aus der Öffentlichkeit zu verbannen, um die Erinnerung an Gott in das überschaubare Ghetto des Sakralraums zu sperren. Umso befremdlicher, wenn Männer der Kirche mahnen, religiöse Zeichen dürften nur dann öffentlich präsent sein, wenn man der Trennung von Glaube und Politik Rechnung trage. Diese Unterscheidung verdankt Europa ja allein seiner Christianisierung! Und nur eine mutige Neuevangelisierung Europas wird uns jene Rechtsstaatlichkeit und Freiheit garantieren, deren Humus das christliche Menschenbild war und ist.

Die Verdrängung christlicher Symbole aus dem öffentlichen Raum entkernt die Identität Europas. Sie lässt die Suche nach der Leitkultur der europäischen Länder ins Leere laufen. Sie bereitet der Rückkehr der Dämonen – im Gewand von Ideologien – den Weg. Sie ist zudem theologisch fragwürdig: Gott hat sich mit dieser sündigen Menschheit die Hände schmutzig gemacht. Dafür stehen das Holz der Krippe und das Holz des Kreuzes. Seine Kirche darf sich nicht aus der sündigen Weltwirklichkeit in den sterilen Sakralraum zurückziehen. Ihre Aufgabe bleibt die Inkulturation: diese Welt mit dem Evangelium Christi zu tränken.