Leitartikel: Generalprobe für eine Spaltung

Der Katholikentag hat die Selbstprotestantisierung vorangetrieben. Ausländische Beobachter schütteln über den hiesigen Populismus den Kopf. Von Regina Einig

Das Kerngeschäft des Katholikentags – katholische Laien in ihrem gesellschaftspolitischen Engagement zu bestärken und christliche Impulse in die Öffentlichkeit zu senden – ist am Ende. Münster wird in Erinnerung bleiben durch Politiker, die in ihren Forum Druck aufbauten, um die Protestantisierung der katholischen Kirche voranzutreiben. Populistische Töne und Selbstbanalisierung überschatteten viele Podien.

Am deutlichsten zeichnete sich dieser Trend durch lautstarke Forderungen in der aktuellen Debatte um den Kommunionempfang für evangelische Ehepartner in konfessionsverschiedenen Ehen ab. Dass der Rat des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer, Kirchenpolitik während des Katholikentags außen vor zu lassen, in den Wind geschlagen wurde, hat nicht nur der Veranstaltung selbst geschadet, sondern auch dem internationalen Ansehen der Kirche in Deutschland. Gäste aus dem europäischen Ausland schüttelten mitunter den Kopf über den Realitätsverlust deutscher Katholiken. Betriebsblinden Scharen, die bereitwillig Applaus zur Verhöhnung der Eucharistie spenden, ist wohl auch mit Absagen an einen „Wohlfühlkatholizismus“ (Kardinal Marx) nicht mehr zu helfen. Ton und Gesprächsführung legten auf etlichen Podien nahe, dass der katholische Glaubenssinn vielen schlicht abhanden gekommen ist.

Unter dem Blickwinkel betrachtet, dass Enttäuschungen gut sind, weil Täuschungen nichts taugen, hatte Münster Aufschlussreiches zu bieten. Die Ankündigung von Ökumenebischof Gerhard Feige, die deutschen Bischöfe könnten im Kommunionstreit diözesan unterschiedliche Weisungen geben, bedeutet de facto die Aussicht auf eine Spaltung. Der Episkopat in Deutschland ist jedenfalls an einem Punkt angekommen, an dem sich gegensätzliche theologische Positionen nicht mehr durch bischöfliche Konsensformeln verschleiern lassen.

Münster veranschaulichte, welchem Muster die einseitig protestantisch ausgerichtete „Ökumene von unten“ folgt: Warnende Stimmen wie die des Vorsitzenden der orthodoxen Bischöfe in Deutschland, Metropolit Augoustinos, werden ignoriert, Politiker übernehmen die Rolle der Stichwortgeber für die Mehrheit des deutschen Episkopats. Im Brachialtempo Fakten schaffen, offensichtlichen Irrtümern nicht widersprechen, Widerständler isolieren und rhetorische Nebelkerzen werfen– man denke nur an Kardinal Kaspers Jubel über die „Frischzellenkur“, die konfessionsverschiedene Ehen hierzulande angeblich bewirken sollen – beschleunigen den Ausverkauf der Sakramente.

Der Katholikentag vollzog eine mentale Generalprobe für eine Spaltung der Katholiken: Fragen nach Lehre und Tradition der Kirche wurden teilweise apodiktisch vom Tisch gewischt und mit Selbstgesprächen übertönt. Die Strategie, den kirchenpolitischen Gegner zu überfahren, war nicht frei von psychologischem Druck: Marginalisierung durch Diffamierung lautete die Losung. des Es dürfe nicht ängstlich gefragt werden, was nicht gehe, ließ sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx vernehmen. Wer will schon als Zauderer und Blockierer dastehen? Von dieser Position aus lassen sich die Linien bequem ausziehen zur Debatte um die Segnung homosexueller Paare, die im Gefolge der Amazonassynode erwartete Priesterweihe sogenannter bewährter Männer und die Weihe von Frauen zu Diakonen. Solange sich die katholische Kirche in Deutschland als verlässlicher, weitgehend fügsamer Partner Berlins erweist und die Kirchensteuereinnahmen sprudeln, haben viele Katholiken in Deutschland damit im Moment auch kein Problem.

Bistümer sind aber keine Landeskirchen. Binnenkirchliche Klärungsprozesse dürften sich in Zukunft beschleunigen: Interessenten am Priesterberuf werden noch sorgfältiger überlegen, wem sie Ehrfurcht und Gehorsam versprechen und wo sie Theologie studieren. Verunsicherte Getaufte werden sich von den Pfarreien zurückziehen. Barmherzige Einzelfallregelungen für überzeugte Gläubige, die eine Zugehörigkeit zur deutschen Körperschaft „Kirche“ nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren können, werden an der Basis bereits diskutiert. Die Selbstprotestantisierung der Kirche in Deutschland schadet niemandem mehr als ihr selbst.