Kanzlerin der Herzen

Angela Merkel und der Katholikentag - Analyse einer Beziehung. Von Sebastian Sasse

Angela Merkel
Steht Rede und Antwort: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: KNA

Hier steht sie nun und kann auch anders: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nicht gerade dafür bekannt, dass sie mit ihrer Rhetorik Zuhörer in den Bann schlägt. Doch beim Katholikentag schafft sie das. Merkel fühlt sich am Freitagvormittag sichtlich wohl, agiert für ihre Verhältnisse am Rednerpult wie auch später in der Diskussion erstaunlich locker. Da fällt einmal ein Witz oder eine flapsige Bemerkung. Dabei, und das macht die Kanzlerin von Anfang an deutlich, seien die Zeiten so ernst wie schon lange nicht mehr. Doch das alles tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Schon beim Einzug in den Saal gibt es Applaus, ein Großteil des Publikums erhebt sich, während ZdK-Präsident Thomas Sternberg Merkel zur Begrüßung für ihre humanitären Akzente in der Flüchtlingspolitik dankt. Viel geklatscht wird wiederum, als die Kanzlerin sich später ihrerseits ausdrücklich bei den vielen Helfern aus dem kirchlichen Bereich bedankt, die sich für Flüchtlinge engagieren. Spätestens da wird klar: Für den Katholikentag ist Merkel die „Kanzlerin der Herzen“. Die Welt der „Merkel muss weg“-Rufe scheint weit draußen zu liegen, weit weg vom Großen Saal im Münsteraner Congress-Centrum. Und das hängt eben vor allem mit Angela Merkels Linie in der Flüchtlingsfrage zusammen.

Die anderen Akzente, die die Kanzlerin in ihrer Rede setzt, sind weder überraschend, noch originell. Sie plädiert für mehr Mulilateralismus, kritisiert Trump für dessen Ausstieg aus dem Iran-Atomabkommen. Freilich aber immer so formuliert, dass es diesem Publikum gefällt. Vielleicht klingt Merkel nur manchmal eine Spur zu verantwortungsethisch – sie macht sich für Investitionen in den Verteidigungshaushalt stark – im Vergleich zu dem, was sonst dort üblich ist. Aber diese Abweichung verzeiht man ihr. Schließlich ist sie ja die „Kanzlerin der Herzen“. Die besondere Beziehung zwischen Merkel und dem Publikum dort sagt etwas über die Kanzlerin aus, aber eben vor allem etwas über den Katholikentag. Trifft hier Angela Merkel auf ihre Stammwählerschaft? Eine Frage, über die wohl nun manche CDU-Strategen grübeln werden. Sowohl die Mitarbeiter im Adenauer-Haus wie auch diejenigen, die auf einen Sturz Merkels hinarbeiten und eine konservative Trendwende wollen. Denn die zweite Gruppe setzt dabei ja auch auf Katholiken, die sich eine Renaissance des „C“-Profils erhoffen. Doch wie sehr repräsentiert der Katholikentag tatsächlich die Katholiken? Merkel, die schon als Oppositionsführerin bei jedem Katholikentreffen dabei war, könnte der Illusion aufsitzen, dass sie es hier tatsächlich mit einer repräsentativen Mehrheit zu tun hätte. Dass sie so denkt, würde manchen Fauxpas gegenüber Deutschlands Katholiken erklären, angefangen bei ihrer Papst-Kritik während des Missbrauchsskandals. Merkel ist ohne Zweifel eine gute Beobachterin. Und wenn sie sich die Katholikentage anschaut, könnte sie denken, dass solche Unsensibilität dort zumindest niemanden aufregt. Ob diese Strategie aber dauerhaft aufgeht, das werden Wahlen zeigen.