Halt und Hoffnung

Das gute Miteinander von Regierung und Religionen beteuerten Kanzler und Kardinal beim Wiener Adventsempfang. Von Stephan Baier

Empfang von Vertretern christlicher Religionen
Beim Adventsempfang im Wiener Bundeskanzleramt lobte Kanzler Sebastian Kurz die Leistungen der Kirchen. Foto: BKA/Andy Wenzel
Empfang von Vertretern christlicher Religionen
Beim Adventsempfang im Wiener Bundeskanzleramt lobte Kanzler Sebastian Kurz die Leistungen der Kirchen. Foto: BKA/Andy Wenzel

So viel ungetrübtes Lob wird den Kirchen in unseren Tagen selten zuteil. „Der Glaube ist wichtig für die Menschen“, sagte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Dienstagmittag beim Adventsempfang für die Kirchen und Religionsgemeinschaften im Wiener Bundeskanzleramt. Kurz würdigte die Leistungen der Kirchen, insbesondere im karitativen Bereich, und erinnerte daran, dass er einst als junger Staatssekretär für Integrationsfragen zunächst die Religionsgemeinschaften einlud. Weil er den positiven Beitrag der Religionen zur Integration schätze, denn sie gäben Zuwanderern Halt und Geborgenheit, so der Kanzler ohne jeglichen Seitenhieb oder kritische Anmerkungen, wie sie zur Rolle mancher Moscheegemeinden auch möglich wären.

Harmonie im Festsaal, Kritik im Kanzlerzimmer

Wie eine Sardinenbüchse gefüllt war der Festsaal, als der Kanzler erklärte, er habe zum Advents empfang bewusst nicht nur die christlichen Kirchen eingeladen, sondern auch Vertreter anderer Religionsgemeinschaften. Zuvor traf man sich schon in kleiner Runde, zum „guten Austausch“, aber auch zu „Themen, wo es Kritik gibt“, mit ausgewählten Repräsentanten der christlichen Kirchen. Mit dabei war der nun scheidende Apostolische Nuntius, Peter Stephan Zurbriggen, den Kanzler Kurz – per Du – dankend aus Österreich verabschiedete.

Kanzleramtsminister Gernot Blümel (ÖVP), der als Kultusminister für die Beziehungen der Regierung zu den Religionsgemeinschaften zuständig ist, führte das Lob des Kanzlers fort: „Die Religionen sind immer ein Teil der Lösung von Problemen.“ Das gelte auch in unserer vielfältig gewordenen Gesellschaft. Mit der Digitalisierung sei die Welt endgültig global geworden, sagte Blümel, sprachlich holprig, inhaltlich zutreffend. Damit würden Werte einem Relativismus anheimfallen. Aber, so wiederholte der Minister: „Religion ist immer Teil der Lösung.“ Begründung: „Auch die Seele hat Bedürfnisse“, nämlich nach „Verwurzelung“, nach Halt und Hoffnung.

Vielleicht war das dem Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, der vier Jahre älter ist als Kanzler Kurz und Kanzleramtsminister Blümel zusammen, allzu positiv, vielleicht auch nur zu undifferenziert. Jedenfalls war es beim überaus harmonischen Adventsempfang im Bundeskanzleramt Kardinal Christoph Schönborn vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass Religionen nicht nur zur Beheimatung beitragen, sondern auch zu Konflikten. Es gebe Stimmen, die darauf hinweisen, dass die Religionen auch Teil des Problems sind.

Auch wenn diese Stimmen bei diesem katholisch dominierten Empfang nicht anwesend waren, meinte der Wiener Kardinal: „Damit müssen wir als Religionsgemeinschaften uns auseinandersetzen. Wir haben zu lernen von einer Zivilgesellschaft, die uns als Religionsgemeinschaften zum Teil sehr kritisch sieht.“ Die gleiche Würde aller bedeute, dass die Religionskritiker den Religionen etwas zu sagen hätten. „Wir haben strukturelle und moralische Probleme. Auch Probleme der Umsetzung unserer Religion gegenüber einer säkularen Gesellschaft“, so Schönborn selbstkritisch.

Lob hatte der Vorsitzende der Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Staat: Es sei eine Stärke Österreichs, „um die uns manche Länder beneiden“, dass es ein gutes Miteinander zwischen den Bundesregierungen – den Plural setzte er vorsätzlich – und den Kirchen gebe. Das sei nicht selbstverständlich, ruhe in Österreich aber auf soliden religionsrechtlichen Grundlagen. In diesem Kontext nannte Kardinal Schönborn ausdrücklich das Islamgesetz. Die weltanschauliche Neutralität des Staates bedeute nicht zwingend Distanz zu den Religionen. Gemeinsam sei der Regierung und den Religionen die Verantwortung für das Gemeinwohl.

„Mutiger als die Vorgängerregierungen“

In Österreich ist nicht nur das Verhältnis zwischen den Kirchen und dem Staat auf Kooperation statt auf Konfrontation ausgelegt, sondern auch das Verhältnis zwischen den verschiedenen Konfessionen. Die Vertreter der evangelischen und orthodoxen Kirchen, aber auch der koptisch-orthodoxe Bischof und der Patriarchaldelegat der armenisch-apostolischen Kirche hatten im Bundeskanzleramt augenscheinlich kein Problem damit, weder namentlich begrüßt noch um ihr Wort gebeten zu werden.

Unmittelbar vor dem Empfang zogen Kanzler Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) vor den Medien Bilanz ihres ersten gemeinsamen Regierungsjahres. Wieder ein Bild der Harmonie: Strache würdigte, dass die Koalitionäre „professionell und menschlich korrekt miteinander umgehen“; Kurz lobte, „dass wir mutiger sind als Vorgängerregierungen“.

Ziel seiner Regierung sei es, „Österreich zurück an die Spitze zu führen“, so Kurz, der für das kommende Jahr eine Steuerentlastung und eine Pflegereform ankündigte.