Die Urfeinde des Islam

Deutschland ist weniger judenfeindlich als andere Länder. Hass gegen Juden ist dennoch da, meint Professor Yehuda Bauer aus Jerusalem – auch bei muslimischen Migranten Von Till Magnus Steiner

Kippaträger
Jeder Jude, ob religiös oder nicht, sollte als ein Zeichen eine Kippa tragen, findet Professor Yehuda Bauer. Foto: dpa

Der Begriff ,Antisemitismus‘ ist wirklich Unsinn – denn es gibt ja keinen Semitismus gegen den man ,anti‘ sein kann“, beginnt Professor Yehuda Bauer das Gespräch mit der „Tagespost“ über den heutigen Judenhass in Deutschland. Und er fügt direkt hinzu: „In Deutschland ist der latente Hass gegen Juden heute geringer als in vielen anderen Ländern – aber er ist da. Und er wird von politischen Bewegungen ausgenutzt.“ Der 93-jährige Historiker erforscht seit über 60 Jahren die Geschichte der Shoa und leitete das internationale Forschungsinstitut der israelischen Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem. „Antisemitismus ist ein kulturelles Phänomen, das älter ist als das Christentum und der Islam“, und dies müsse man verstehen, um über den heutigen Antisemitismus reden zu können, erklärt Professor Yehuda Bauer. Er verweist auf vielleicht eine der ersten Erklärungen, wie es zum Hass gegen Juden kam – gemäß dem in der Zeit des Hellenismus entstandenen biblischen Buch Ester soll der persische König die Vernichtung der Juden unter anderem mit folgender Begründung beschlossen haben: „dass dieses Volk … nach absonderlichen und befremdlichen Gesetzen lebt“.

Der entstehende Monotheismus des Judentums und die damit einhergehende Kultur sei zum Grund des Widerstands geworden und der Auslöser des Judenhasses. Der rassistische Antisemitismus habe nur eine weitere Dimension hinzugefügt: „Juden sind ja keine Rasse. Sie sind genauso reinrassig wie ein Jerusalemer Straßenhund. Aber ihre Kultur, die sie eint, ist eben die jüdische“. Prägend für den Antisemitismus sei dann das monotheistische Denken geworden, das aus dem Judentum hervorging: „Die monotheistischen Religionen des Christentums und des Islams etablierten sich in der Abgrenzung zum Judentum“, und nach einer kurzen Pause sagte Professor Yehuda Bauer: „Es gibt keinen Antisemitismus in den heutigen polytheistischen Gesellschaften.“ In Bezug auf den Islam formuliert Bauer im Gespräch mit der „Tagespost“ die These, dass diese Religion auf der Feindschaft zum Judentum aufgebaut ist: „Die Juden sind die Urfeinde, und der Kampf gegen sie basiert auf der realen Geschichte des Sieges des Propheten Mohammed gegen die drei jüdischen Stämme in Medina.“ Diese These hat er in seinem Buch „Der islamische Antisemitismus – eine aktuelle Bedrohung“ entfaltet. Mit Blick auf den Islam gesteht er aber auch einen Fehler ein: „Ich hätte im Titel schreiben sollen ,Der islamistische Antisemitismus‘. Denn die aggressive Art des Antisemitismus tritt im radikalen, dschihadistischen Islam auf.“ Dies erklärt er näher anhand der in Deutschland lebenden muslimischen Flüchtlingen. Er verweist darauf, dass von den Flüchtlingen immer im Kollektiv gesprochen wird, obwohl sie aus ganz verschiedenen Gesellschaften kommen.

Er erzählt von schiitischen Familien aus dem Irak, die ihre jungen Männer nach Europa schicken, damit sie von den Milizen nicht rekrutiert werden. Er verweist auf die Sunniten aus der afghanischen Mittel- und Oberschicht, die sich ein besseres Leben in Europa erhoffen. „Es gibt in den Flüchtlingen ganz verschiedene Gruppen, aber unter ihnen gibt es einen antisemitischen Konsens – vor allem bei den Syrern. Aber die deutsche Regierung versteht es nicht, wie man die Vielfalt nutzen kann, diesen antisemitischen Konsens zu brechen. Es gibt eben auch – und das muss stärker beachtet werden – die muslimischen Antiradikalen und Liberalen, mit denen man Allianzen schmieden muss.“ Er kritisiert scharf Dialogveranstaltungen, die vor allem nur aus vorgetragenen Reden bestehen und nicht auf eine enge Kooperation zielen.

In diesem Kontext gelte es auch eine klare Grenze zwischen dem Antizionismus und der Kritik an der Politik Israels zu ziehen. „Wenn man dem Staat Israel das Existenzrecht abspricht – und der Staat ist ein jüdischer –, dann ist man antisemitisch. Es geht gar nicht anders. Aber jemand, der die Politik Israels, kritisiert kann auch pro-israelisch sein. Es sind ja auch nicht ein Drittel aller Israelis antisemitisch.“ Mit Blick auf Deutschland, aber auch auf das internationale erneute Erstarken des Antisemitismus verneint er klar, dass es einen „neuen Antisemitismus“ gibt. Anti-liberale Bewegungen versuchen den Antisemitismus wieder als Antwort auf gesellschaftliche Probleme zu etablieren.

Doch Bauer sieht das Judentum heute im Angesicht des Antisemitismus in einer ganz anderen Situation als zum Beispiel zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus. „Wir Juden können den Antisemitismus nicht allein bekämpfen. Aber heute haben wir starke Alliierte – zum Beispiel seit 1965 den Vatikan.“ Er betont die besondere Bedeutung für den christlich-jüdischen Dialog und das Verhältnis der katholischen Kirche zum Staat Israel von Augustin Kardinal Bea, Papst Johannes XXIII. und Johannes Paul II. und mit einer gewissen Frustration fügt er hinzu: „ganz anders als die heutige katholische Kirche in Polen“. Und am Ende des Gespräches wird er noch konkret, wenn es um den Antisemitismus in Deutschland geht. Er ist davon überzeugt, dass das Judentum in Deutschland dem erstarkenden Antisemitismus nicht in Passivität begegnen darf: „Jeder Jude, ob religiös oder nicht, sollte als ein Zeichen eine Kippa tragen – und die Deutschen würden sich dann an ihre Seite stellen. Ich bin nicht dafür, dass die Juden passiv sein sollen – dafür bin ich viel zu sehr Israeli.“

 

Zur Person

Yehuda Bauer wurde am 6. April 1926 in Prag geboren. Mit seiner zionistischen Familie wanderte er am selben Tag nach Palästina aus als die deutsche Wehrmacht in die Tschechoslowakei einmarschierte. Er kämpfte im jüdischen Untergrund und im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Später lehrte er als Professor für Shoa-Studien an der Hebräischen Universität in Jerusalem, leitete von 1996–2000 das internationale Forschungsinstitut der israelischen Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem und ist heute dort noch als wissenschaftlicher Berater tätig. Zudem ist er Ehrenvorsitzender der International Holocaust Remembrance Alliance.