Der brasilianische Trump

Jair Bolsonaro hat viele evangelikale Anhänger – Katholischer Klerus ist gespalten. Von Marcela Velez-Plickert

Wahlen in Brasilien
Nach dem Sieg im ersten Wahlgang feierten die Anhänger von Jair Bolsonaro: Er ist nun der Favorit. Foto: dpa
Wahlen in Brasilien
Nach dem Sieg im ersten Wahlgang feierten die Anhänger von Jair Bolsonaro: Er ist nun der Favorit. Foto: dpa

Grassierende Gewalt und Korruption sind die beiden Zutaten, die den Boden für den Wahlerfolg des rechten Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro bereitet haben. Ein gewaltiger Korruptionsskandal hat große Teile der Bevölkerung so sehr entfremdet von der politischen Klasse, dass sie bereit waren, für einen Politiker mit extremen Ideen zu stimmen: den 63 Jahre alten ehemaligen Fallschirmjäger und Reserveoffizier Bolsonaro, der schon seit drei Jahrzehnten im Abgeordnetenhaus sitzt und mit teils brutalen und als rassistisch kritisierten Sprüchen viel Anstoß erregt hat. Manche nennen ihn den „brasilianischen Trump“.

Bolsonaro kam bei der Wahl am Sonntag auf 46,3 Prozent der Stimmen und geht damit als Favorit in die Stichwahl am 28. Oktober. Der Kandidat der lange regierenden linken Arbeiterpartei PT, Fernando Haddad, der vom Ex-Präsidenten Lula unterstützt wird, hingegen landete mit 29 Prozent auf den zweiten Platz. Dass der Vorsprung von Bolsonaro so groß würde, hatte kaum jemand erwartet.

Zwar hatte Haddad die große Wahlkampfmaschine der Arbeiterpartei hinter sich, die sowohl Gewerkschaften als auch Intellektuelle vereint. Zwar mobilisierten Gegner von Bolsonaro, Frauen und Minderheitenvertreter Proteste gegen eine drohende Machtübernahme des „Faschisten“. Aber das wirkte bei vielen Brasilianern nicht mehr, die einfach nur noch angewidert sind von dem Ausmaß der Korruption. Nicht nur die PT, sondern auch die Mitte und konservative Politiker erscheinen diskreditiert, nachdem aufgedeckt worden war, dass der staatliche Ölkonzern Petrobras, dessen Manager und politische Aufseher über Jahre vom Baukonzern Odebrecht und anderen für Aufträge bestochen wurden. Ex-Präsident Lula da Silva selbst durfte nicht zur Wahl antreten, er sitzt seit April im Gefängnis. Ein Teil der Bevölkerung träumt immer noch von den guten Lula-Jahren, als der Staat hohe Einnahmen durch den Rohstoffboom hatte und große Sozialprogramme finanzieren konnte, doch viele sind tief enttäuscht. Die vergangenen Jahre waren von einer schweren Rezession geprägt. Auf über zwölf Prozent ist die Arbeitslosenquote gestiegen, Millionen sind wieder unter die Armutsgrenze gefallen. Der von Bolsonaro designierte Wirtschaftsminister, ein liberaler Ökonom und Banker, will die Volkswirtschaft mit einem radikalen Privatisierungsprogramm revitalisieren; sein Programm gefällt der Börse.

Die Stimmen für Bolsonaro sind nicht nur ein Ergebnis der schlechten ökonomischen Lage und der Wut über die Korruption, sondern auch ein Reflex gegen die Gewaltkriminalität, die außer Kontrolle scheint. Bolsonaro verspricht, mit äußerster Brutalität die Kriminalität zu kämpfen. In Brasilien gibt es jährlich 30 Mordopfer je 100 000 Einwohner, damit zählt es zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Organisierte Banden, die mit Drogen handeln, machen die Straßen unsicher. Bolsonaro plädiert dafür, die „guten“ Brasilianer zu bewaffnen, damit sie sich verteidigen könnten. Sechs von zehn Brasilianern stimmen dem Spruch „Nur ein toter Verbrecher ist ein guter Verbrecher“ zu.

Interessant ist, dass offenbar besonders viele Evangelikale für den rechten Kandidaten gestimmt haben. Einer der Wortführer, Jose Wellington, Präsident der Vereinigung Gottes, der größten evangelikalen Kongregation Brasiliens, sagte vor der Wahl: „Von allen Kandidaten ist Bolsonaro derjenige, der die Sprache der Evangelikalen spricht.“ Der Anteil der Evangelikalen in Brasilien ist von gut sechs Prozent im Jahr 1980 auf heute etwa 25 Prozent gestiegen, mehr als 40 Millionen der etwa 210 Millionen Einwohner des Landes. Im Parlament bilden Evangelikale sogar eine eigene Gruppe, die parteiübergreifend ist. Aus Sicht vieler Evangelikaler steht die Arbeiterpartei PT für eine progressiv-linke Agenda, die sie ablehnen, vor allem die Befürwortung der Homo-„Ehe“, die Legalisierung der Abtreibung und die Legalisierung von Drogen. All dies lehnt Bolsonaro auch heftig ab. „Brasilien über alles, Gott über alles“, heißt es im Wahlprogramm des rechten Kandidaten. Die PT wird dort beschuldigt, einen „Kulturmarxismus“ und „perverse“ Ideen zu verfolgen, welche die (traditionelle) Familie gefährdeten. Die kulturkonservativen Aussagen seien für evangelikale Wähler vorrangig, sagt Isabel Veloso von der Getulio-Vargas-Stiftung. Die Evangelikalen sind nicht nur politisch aktiver, sondern auch religiös: 83 Prozent besuchen regelmäßig ihre Gottesdienste, von den brasilianischen Katholiken gehen 36 Prozent regelmäßig in der Messe.

Die katholische Kirche hat es im Wahlkampf vermieden, sich eindeutig für oder gegen Bolsonaro und sein Programm positionieren. Man äußere sich zu keinem Kandidaten, hieß es ausweichend. Weihbischof Leonardo Ulrich Steiner, Generalsekretär der Bischofskonferenz, betonte lediglich, dass es wichtig sei, wählen zu gehen und die Demokratie zu verteidigen. Der brasilianische Klerus ist intern auch gespalten, wie das ganze Land. Kein Geheimnis ist es, dass ein Teil der Priester, die der Befreiungstheologie nahestehen, seit Jahrzehnten die PT unterstützen.