Denn sie wissen, was sie tun

Noch nie waren Menschen so „aufgeklärt“ wie heute – Warum ungeborene Kinder trotzdem abgetrieben werden und sich daran auch in Zukunft nicht viel ändern soll. Von Cornelia Kaminski

Das Wunder des Lebens bei "Galileo"
Ein Zellhaufen? Wenn, dann nicht anders als Du und ich: Denn der Mensch entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch. Foto: dpa
Das Wunder des Lebens bei "Galileo"
Ein Zellhaufen? Wenn, dann nicht anders als Du und ich: Denn der Mensch entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als ... Foto: dpa

Noch nie waren Menschen so gründlich darüber aufgeklärt, wie Sexualität funktioniert. Noch nie wurde eindringlicher gewarnt vor den Folgen ungeschützten Geschlechtsverkehrs, standen Verhütungsmittel in größerer Auswahl zur Verfügung, waren Frauen effektiver mit der Pille versorgt als heute. Wie eine Schwangerschaft entsteht, wie man sich vor ungewollten Schwangerschaften schützen kann, wie der kleine Mensch sich im Mutterleib entwickelt, lernen Kinder bereits in der Grundschule. Bildgebende Verfahren in immer besserer Qualität erlauben den Eltern mittlerweile sogar einen dreidimensionalen Blick auf ihr Kind: Schon in der 10. Schwangerschaftswoche ist das Kind deutlich zu erkennen. Dass das Herz da schon seit ein paar Wochen regelmäßig schlägt, kann jeder Vater, jede Mutter nicht nur sehen, sondern mittels moderner Ultraschalltechnik auch hören. Und dass ein solches Kind im Mutterleib ein faszinierender Anblick ist, haben auch die Wahlkampfstrategen von Angela Merkel entdeckt: der TV- Wahlwerbe-Spot der CDU beginnt mit einem kurzen Film eines ungeborenen Babys, aus dem „Off“ fragt die Stimme der Kanzlerin: „In welchem Deutschland wirst du einmal leben?“ Martin Schulz zog mit demselben Motiv nach – auch im Wahlwerbespot der Sozialdemokraten stellt der Kanzlerkandidat einem ungeborenen, aber ganz offensichtlich quicklebendigen Kind diese Frage. Beide liefern damit hervorragendes Bildmaterial und klären Deutschland nicht nur über ihre Vorstellungen von der Zukunft auf, sondern auch über das Wunder des vorgeburtlichen Kindes, das eben alles andere ist als ein Zellhaufen.

Das alles nützt dem ungeborenen kleinen Menschen noch herzlich wenig. Seit Jahren tapeziert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung deutsche Innenstädte mit großformatigen Aufklärungsplakaten, die vor ungeschütztem Geschlechtsverkehr warnen, und dennoch werden Jahr für Jahr eher mehr als weniger Frauen ungewollt schwanger. Mit fatalen Folgen: Nach wie vor ist für ein Kind der gefährlichste Ort der Welt der Mutterleib. Allein in Deutschland werden jährlich mindestens 100 000 Kinder abgetrieben – mit leider wieder steigender Tendenz, und dass bei gleichzeitig sinkender Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter. So gut wie gar keine Überlebenschance haben dabei Kinder mit chromosomalen Besonderheiten. Der Praenatest, der einer Rasterfahndung nach chromosomalen Besonderheiten gleichkommt, wird bereits jetzt großzügig von Krankenkassen finanziert. Sollte er zur regulären Kassenleistung werden, steht einer Verpflichtung zur Durchführung des Tests wenig entgegen – mit den entsprechenden Konsequenzen: Krankenkassen könnten sich weigern, die Kosten für die Behandlung von Kindern mit Downsyndrom zu übernehmen, deren Eltern sich nicht dazu entschließen konnten, dieses Kind nach positivem Praenatest abzutreiben. Schon heute sinken nach einem diagnostizierten Down Syndrom die Überlebenschancen des Kindes drastisch. Ärzte raten zur Abtreibung, häufig mit der Begründung, man wolle dem Kind „unnötiges Leid“ ersparen, es könne ja doch kein „normales“ Leben führen. Gefragt, wie schrecklich sie ihr „unnormales“ Leben mit einem zusätzlichen Chromosom finden, reagieren Menschen mit dieser Besonderheit empört. In der ARD Wahlarena fragte am vergangenen Montag Natalie Dedreux, 18-jährige Erstwählerin mit Downsyndrom Angela Merkel, wie sie es denn bloß zulassen könne, dass ein Kind, wie sie eins war, noch bis unmittelbar vor der Geburt abgetrieben werden dürfe. „Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben“, sagt Natalie, und erntet dafür den Beifall der 140 Zuschauer. Auch den der Kanzlerin, die sich in einem seltenen Moment der Empathie bei ihr bedankte und sie darum bat, immer wieder hierzu das Wort zu ergreifen. Sie erzählte auch, wie schwierig es gewesen sei, eine politische Mehrheit wenigstens für die Einführung einer Bedenkzeit und Beratung bei Spätabtreibungen zu erreichen. Zu groß sei die Angst der Eltern, sie und ihr behindertes Kind könnten kein normales Leben führen.

Was aber ist schon ein normales Leben? Während wir in anderen Bereichen – zum Beispiel der sexuellen Besonderheiten – aufgefordert sind, gar nicht mehr in Kategorien von „normal“ und „nicht normal“ zu denken, sondern jede erdenkliche Form der sexuellen Orientierung von Homo- über Bi-, Poly- und Pansexualität als „normal“ akzeptieren sollen, werden genau diese Begriffe genutzt, um Menschen, die aufgrund einer chromosomalen Besonderheit unseren Normvorstellungen nicht entsprechen, zu selektieren. Sie werden eben nicht nur nicht akzeptiert. Man toleriert nicht einmal ihre Existenz.

Jedoch: Zusehends stoßen diese Widersprüche insbesondere denjenigen übel auf, die aufgrund ihres Berufs täglich damit zu tun haben. Sie können nicht begreifen, wie trotz umfangreicher Aufklärung und flächendeckender Versorgung mit Verhütungsmitteln Frauen immer noch in großer Zahl ungewollt schwanger werden. Es macht viele Ärzte nicht nur traurig, sondern auch wütend, dass von ihnen dann verlangt wird, solche „Schwangerschaften zu beenden“. Der Begriff passt zur Sprachweise der Weltgesundheitsorganisation WHO, nach der Schwangerschaften nichts anderes sind als Bedrohungen der Frauengesundheit, die durch Abtreibungen therapiert werden können, und die verschleiert, was der Arzt tatsächlich tun soll: das Leben eines perfekt ausgebildeten, putzmunteren kleinen Kindes beenden, das ahnungslos im Bauch der Mutter heranwächst.

Kein Wunder also, dass sich die Berichte häufen, nach denen Ärzte und medizinisches Personal sich weigern, Abtreibungen vorzunehmen. In Deutschland war ein gynäkologischer Chefarzt betroffen, der in seiner Abteilung keine Abtreibungen mehr vornehmen lassen wollte. Zwar hatte er sich bereits bei der Einstellung vertraglich zusichern lassen, dass dies nicht von ihm gefordert würde. Auch standen Ärzte und Klinikleitung hinter ihm, aber der schwedische Capio Konzern, zu dem das Krankenhaus gehört, kannte kein Pardon und entließ gleich beide: Chefarzt und Klinikleitung. In Niedersachsen schwang die Politik die große Keule: Hier drohte die Gesundheitsministerin einem Krankenhausbetreiber mit Entzug der Fördermittel, falls er keine Abtreibungen in seinem Klinikum ermöglichen sollte. In beiden Fällen hätten Frauen lediglich ein paar Kilometer weiter fahren müssen, um abtreiben lassen zu können; eine schlechtere medizinische Versorgung stellte sich schon gar nicht ein.

Diese Beispiele zeigen einerseits, dass es keineswegs völlig selbstverständlich ist, Abtreibungen lediglich als medizinisches Angebot zur Erhaltung der Frauengesundheit (wie es von Abtreibungsärzten gerne propagiert wird) zu betrachten. Und andererseits machen sie deutlich, wie hochempfindlich, ja nahezu hysterisch Politiker reagieren, wenn an dem vermeintlichen „Recht auf Abtreibung“ (so die FDP-Landtagsfraktion Niedersachsen) auch nur vorsichtig gerüttelt wird. Was von Politikern zu erwarten ist, die einen Straftatbestand (und darum handelt es sich laut § 218 immer noch) flugs in ein Recht umwandeln, mag man sich gar nicht ausmalen.

Noch schützt eben dieser § 218 medizinisches Personal in Deutschland, wenn nicht vor Kündigung, so doch wenigstens vor Strafverfolgung: Während es in Norwegen bereits seit 2015 verboten ist, medizinische Eingriffe aus Gewissensgründen zu verweigern, kann ein Arzt hier schlechterdings nicht gezwungen werden, an einem Eingriff mitzuwirken, der (noch) rechtswidrig ist. Wertvorstellungen möge er aber bitte nur dann haben, wenn sie mit den Wünschen des jeweiligen Patienten oder Angehörigen übereinstimmen: So fordert Julian Savulescu, Professor für Philosophie am Oxford Center for Practical Ethics: „Wenn Menschen nicht bereit sind, legale, effiziente Gesundheitsvorsorge anzubieten, die dem Patienten dient, weil dies ihren Wertvorstellungen widerspricht, sollten sie nicht Arzt sein dürfen.“ Mit anderen Worten: Die eigenen Moralvorstellungen hat ein Arzt am Krankenhauseingang abzugeben, wo er sie sich gegebenenfalls bei Dienstschluss wieder abholen kann.

Noch immer jedoch sind die meisten jungen Menschen, die Medizin studieren, beflügelt vom Wunsch, Menschen heilen und retten zu können, nicht aber, sie zu töten. Es ist nicht nur zutiefst unmoralisch, Menschen dazu zu zwingen, gegen ihre feste Überzeugung zu handeln. Es ist auch unmenschlich: Das Gewissen ist unsere innere Richtschnur. Wer permanent dazu gezwungen wird, sie zu ignorieren, wird daran psychisch zugrunde gehen.

Das ist der Abtreibungslobby egal. Ein flächendeckendes Angebot an Abtreibungsmöglichkeiten ist im Sinne der „Frauengesundheit“ aufrechtzuerhalten. Was aber, wenn wie in Italien nur noch drei von zehn Gynäkologen bereit sind, eine Abtreibung vorzunehmen, und die anderen sich aus Gewissensgründen weigern, daran mitzuwirken? In den Regionen Molise und Basilicata weigern sich gar neun von zehn Ärzten, Kinder abzutreiben – eine Verdoppelung innerhalb von sieben Jahren. Das darf nicht sein, meint Christian Fiala, Betreiber des Gynmed Ambulatoriums in Wien und einer der meistbeschäftigten Abtreibungsärzte Österreichs. Solche Weigerungen seien nichts anderes als „unehrenhafter Ungehorsam“, die entsprechenden Ärzte gehörten entlassen. Unnötig zu sagen, dass damit auch ein Aus für Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft gefordert wird. Spätestens hier wird deutlich, dass es gar nicht um Frauengesundheit geht. Eine bessere medizinische Versorgung ist ja nicht damit zu erreichen, dass ich zwei Dritteln der italienischen Gynäkologen Berufsverbot erteile und katholische Kliniken schließen lasse.

Nein, um Gesundheitsvorsorge geht es nicht, und schon gar nicht um die persönliche Freiheit, wie Abtreibungsbefürworter immer wieder gern betonen. Um die ist es schließlich schlecht bestellt, wenn Berufsverbote für überzeugte Christen im Raum stehen, der Praenatest Druck auf Eltern ausübt und Kliniken mit dem Entzug von Fördermitteln gedroht wird, wenn sie keine Abtreibungen anbieten wollen.

Wir befinden uns in einem Kulturkampf, in dem es die kostbarsten Güter zu verteidigen gilt, die wir haben: die Freiheit eines Christenmenschen und das Recht auf Leben. Und es ist auch klar, dass diese Güter gegen Kräfte verteidigt werden müssen, die über schier unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten und hervorragende politische Netzwerke verfügen. Die internationale Abtreibungsorganisation FIAPAC ist bestens verknüpft mit der WHO, die Bill-Gates-Stiftung finanziert großzügig Abtreibungseinrichtungen weltweit, und in Deutschland freut sich die Abreibungsklinik der Pro Familia in Mainz über einen jährlichen Zuschuss des Landes Rheinland-Pfalz in Höhe von 77 000 Euro.

Diesen Kulturkampf kann man nicht allein mit Beratung von Frauen im Schwangerschaftskonflikt bestreiten. Das ist sicher ein wertvoller und unverzichtbarer Beitrag, aber er bekämpft letztlich lediglich Symptome, statt das Übel bei der Wurzel zu packen. Als Christen sind wir zu mehr verpflichtet: Wir sind aufgerufen, ein sichtbares Zeichen zu setzen gegen eine lebensfeindliche Ideologie, die weit mehr bedroht als nur das ungeborene Kind. Heute beim „Marsch für das Leben“ durch Berlin bietet sich dazu eine Gelegenheit.