Bernd Posselt

Europäer mit Leidenschaft. Von Stephan Baier

Bernd Posselt
Bernd Posselt

An Palmenstränden urlaubend oder bei einem internationalen Großkonzern anheuernd kann man sich heute viele Politiker vorstellen. Nicht jedoch Bernd Posselt, diesen kämpferischen „homo politicus“, der sich für alles zu interessieren scheint außer für Urlaub und Geldverdienen. Unter Katholiken fällt er seit Jahrzehnten als ebenso visionärer wie konsequenter Europäer auf; unter Europäern als ebenso bekenntnisstarker wie furchtloser Christ. Wo andere vom „christlichen Erbe Europas“ reden, betont Posselt die christliche Zukunft des Erdteils, für dessen Einigung er seit Jugendtagen kämpft. Sein Leben hat der Sohn einer steirischen Mutter und eines sudetendeutschen Vaters ganz der Einigung und Erneuerung Europas gewidmet. Dessen Geschichte und Kultur kennt er so detailgenau wie die Verästelungen der europäischen Politik.

EUROPÄER MIT LEIDENSCHAFT

Der begnadete Redner mit einem geradezu lexikalischen Geschichtswissen wurde zunächst Journalist, dann Mitarbeiter Otto von Habsburgs am Europäischen Parlament und schließlich 1994 selbst Europaabgeordneter der CSU. War der Gründer der Paneuropa-Jugend schon früh als europapolitischer Visionär aufgefallen, so wurde Posselt in Straßburg und Brüssel bald auch als kenntnisreicher Pragmatiker geschätzt. Wo immer sich der umtriebige CSU-Mann mit einer Sache beschäftigte, galt er rasch als Experte: in Fragen der Bioethik, des Asylrechts und der Osterweiterung, bei der inneren Sicherheit wie in der Beurteilung außenpolitischer Gefahren. Zwei Jahrzehnte lang stritt der leidenschaftliche Parlamentarier in Straßburg für ein Europa, das nach außen stark und geeint, nach innen vielfältig, frei und bürgernah sein soll.

Als seine CSU bei der Europawahl 2014 mager abschnitt und er sein Abgeordnetenmandat verlor, gab es eine Versuchung für Bernd Posselt gar nicht: der Politik den Rücken zu kehren und sein EU-Netzwerk zu Geld zu machen. Ehrenamtlich blieb er ein Baumeister Europas und ein Brückenbauer in Europa – als Präsident der Paneuropa-Union Deutschland wie als Sprecher der Sudetendeutschen. Bis heute will die christdemokratische Fraktion im Europäischen Parlament aus gutem Grund auf seine außenpolitische Expertise nicht verzichten.

Jetzt könnte dem leidenschaftlichen Paneuropäer ein Comeback gelingen: Bei der Europawahl im kommenden Jahr wird die CSU-Liste unter europaweiter Beobachtung stehen, weil CSU-Spitzenmann Manfred Weber die Nachfolge von Kommissionspräsident Juncker anstrebt. Da dürfte die CSU gut beraten sein, ein europapolitisches Schwergewicht wie Posselt in den Ring zu schicken. Einen, der in EU-kritischer Zeit eine packende Vision für Europa hat – und sie auch gewinnend erzählen kann.