Ärzte appellieren an Abgeordnete

Die Ärzte für das Leben appellieren in einem Brief an alle Bundestagsabgeordneten, den Gesetzentwurf zur Einführung der Widerspruchsregelung bei der Organspende abzulehnen.

Debatte um Widerspruchsregelung bei Organspende
Was das Thema Organspende betrifft, fordern die "Ärzte für das Leben" eine klare Entscheidung des Spenders. Foto: dpa
Debatte um Widerspruchsregelung bei Organspende
Was das Thema Organspende betrifft, fordern die "Ärzte für das Leben" eine klare Entscheidung des Spenders. Foto: dpa

In einem Brief an alle Bundestagsabgeordnete appellieren die „Ärzte für das Leben“ (ÄfdL), den am 26. Juni in Erster Lesung vom Parlament debattierten Gesetzentwurf zur Einführung der Widerspruchsregelung bei der Organspende abzulehnen. Der Brief trägt das Datum vom 24. Juni. Die Widerspruchsregelung beruhe auf einer Umkehrung der „Erklärungslast“. „Während bisher bei hirntoten Patienten Organe nur dann entnommen werden dürfen, wenn eine Einwilligung des Patienten vorliegt, soll nach dem vorgeschlagenen Gesetz jeder als potenzieller Organspender gelten, es sei denn, man hat seinen Widerspruch zur Organspende in ein zentrales Register eintragen lassen oder auf andere Weise schriftlich dokumentiert.“

Vertrauen vieler Bürger in Transplantationsmedizin habe abgenommen

Die Vereinigung begründet ihre Ablehnung mit vier Punkten: Verantwortlich für die Krise der Transplantationsmedizin seien primär Vertrauensverlust und Organisationsversagen, und nicht die fehlende Bereitschaft zur Organspende. „In den letzten Jahren wurden wiederholt Unregelmäßigkeiten bei der Organzuteilung aus verschiedenen Zentren gemeldet. Auch wurden grundsätzliche Bedenken bezüglich des Hirntodkonzepts (die Vorstellung, dass der Hirntod mit dem Tod des ganzen Menschen gleichzusetzen ist) nicht ernst genommen und diskutiert, sondern schlichtweg geleugnet.“ Dies habe dazu geführt, dass das Vertrauen vieler Bürger in die Transplantationsmedizin abgenommen habe. Auch hätten Schwierigkeiten bei der Organisation der Organentnahme die Spenderzahlen reduziert.

Ferner zeige die Erfahrung aus anderen Ländern, dass die Einführung der Widerspruchsregelung nicht automatisch zu einer Erhöhung der Spenderorgane führe. „In Schweden und Singapur hat die Widerspruchsregelung die Spenderzahl nicht verändert, während in Brasilien, Bulgarien, Dänemark, Frankreich, Lettland, Luxemburg und Wales die Organspenderate nach Etablierung einer Widerspruchslösung sogar gesunken ist.“ Selbst in Spanien, das gerne als Erfolgsmodell angeführt werde, habe sich die Spenderate nach Einführung der Widerspruchslösung sechs Jahre lang nicht verändert.

"Jeder Mensch hat ein Recht auf körperliche
Unversehrtheit, das im ärztlichen Prinzip
,primum nihil nocere‘ (zuerst keinen
Schaden anrichten) seinen Widerhall findet"
Die Ärzte für das Leben in einem Appell an die Abgeordneten

Schließlich gelte es, die Würde des Menschen und die ethischen Grundsätze ärztlichen Handelns auch in den Grenzbereichen menschlichen Lebens zu wahren. „Jeder Mensch hat ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, das im ärztlichen Prinzip ,primum nihil nocere‘ (zuerst keinen Schaden anrichten) seinen Widerhall findet. Dies ist auch der Grund, warum ein ärztlicher Eingriff ohne Einwilligung des Patienten als Körperverletzung gilt. Dieses Recht auf Unversehrtheit gilt auch und gerade bei schwerstkranken und sterbenden Patienten“, so die Ärzte. Es sei eine Tatsache, dass Organe einer Leiche nach Transplantation in einen anderen Menschen, keine Funktion aufwiesen. Transplantierte Organe funktionieren nur dann, wenn sie „lebendfrisch“ entnommen würden. „Aber für lebendige Menschen gilt das Prinzip der Unversehrtheit – man darf ihnen keine Organe entnehmen, erst recht nicht, wenn diese Entnahme zu ihrem sicheren Tod führen würde.“ Dieses Dilemma versuche man durch das Hirntodkonzept zu lösen. Doch seien die Bedenken bezüglich dieses Kriteriums keineswegs ausgeräumt. „Das Sterben ist eine ganz sensible Phase des Lebens. Jeder wünscht einen friedlichen Tod, für sich und seine Nächsten, im Idealfall im Kreis der Familie und vertrauter Personen.“ Bei der Spende sei dies ausgeschlossen. „Der Sterbeort ist in jedem Fall der Operationssaal.“