Perspektiven für das Heilige Land

Der Leiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, fordert Ende der Gewalt. Von Andrea Krogmann
Erzbischof Pierbattista Pizzaballa
Foto: Patriarchat | Erzbischof Pierbattista Pizzaballa richtete seine traditionelle Weihnachtsbotschaft in Jerusalem an die Medien.

Jerusalem (DT) Der Leiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa hat das Fehlen einer zukunftsweisenden Politik im Heiligen Land beklagt. „Wir brauchen keine Wohnzimmerpolitik, sondern eine Politik, die die Erwartungen der jeweiligen Völker in konkrete Entscheidungen vor Ort übersetzen kann“, sagte der Italiener in seiner gestern in Jerusalem vor den Medien vorgestellten Weihnachtsbotschaft. Das Fehlen einer Politik, die Perspektiven aufweise und die Zukunft umreiße, sei eine Quelle für Frustration und Desorientierung.

Mit Blick auf die US-Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt verwies Pizzaballa auf die klare Position der katholischen Kirche, die jedwede einseitige Politik in Jerusalem zurückweise. Der Status Quo Jerusalems müsse in Übereinstimmung mit den entsprechenden UN-Resolutionen respektiert werden, anstatt durch einseitige Entscheidungen den Frieden zu gefährden.

Bereits am Sonntag warnten die Jerusalemer Kirchenführer in ihrer traditionellen Weihnachtsbotschaft vor einseitigen Ansprüchen auf Jerusalem, wie sie in der amerikanischen Jerusalementscheidung zum Ausdruck komme. Der Sonderstatus der Stadt müsse geschützt werden, bis ein gerechter und auf Verhandlungen basierendes Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinensern erzielt worden sei. Die Region habe ihre Bedeutung aus ihren heiligen Stätten, und die Christen im Heiligen Land wüssten, dass ihre Präsenz und ihr Zeugnis „strikt in Beziehung steht zu den heiligen Stätten und ihrer Zugänglichkeit als Treffpunkte und Orte der Begegnung für die Einheit von Menschen verschiedener Religionen“, so die Führer der dreizehn anerkannten Kirchen.

Pizzaballa forderte in seiner Weihnachtsbotschaft ein Ende jedweder Gewalt, damit die legitime Diskussion über Jerusalem „nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch auf religiöser und kultureller Ebene“ fortgesetzt werden könne. „Unsere Bevölkerung ist der Gewalt müde, die zu keinen Ergebnissen geführt hat. Stattdessen sind sie durstig nach Gerechtigkeit, Rechten und Wahrheit“, so der Erzbischof. Diese „rhetorisch wirkenden Stellungnahmen“ wirkten sich im Kontext des Heiligen Landes konkret im täglichen Leben aus, etwa in Fragen der Bewegungsfreiheit oder der Familienzusammenführung.

Insgesamt bezeichnete Pizzaballa das Jahr 2017 als ein herausforderndes Jahr, dessen zweite Hälfte durch verschiedene Spannungen geprägt gewesen sei. Konkret verwies er auf die Unruhen rund um den Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt im vergangenen Sommer, aber auch auf den anhaltenden Konflikt um Kircheneigentümer und israelische Gesetzesvorhaben, die die Kirchen in ihrem Umgang mit ihrem Gut einschränken würden. Im Blick auf die Ortskirche hob Pizzaballa den anhaltenden Restrukturierungsprozess hervor. Begleitet durch den Unternehmensberater Deloitte seien im vergangenen Jahr Veränderungen in der Verwaltung sowie beim religiösen Personal umgesetzt worden. Zu den Neuerungen gehöre etwa ein neu eingerichtetes Pastoralbüro, das die Bischöfe und Priester in der Begleitung der Gläubigen beraten und unterstützen werde. Ein besonderer Fokus der Diözese sei weiterhin auf den Themenbereich Familie einschließlich Ehevorbereitung, Begleitung junger Paare und Elternbildung gelegt worden. Positiv bewertete der Italiener die Verbesserungen der ökumenischen Beziehungen im Heiligen Land. Die Einweihung der restaurierten Grabkapelle im vergangenen März dieses Jahres bezeichnete Erzbischof Pierbattista Pizzaballa dabei „als ein Ereignis, das vor wenigen Jahren unmöglich erschienen wäre und stattdessen einen Umkehrgrenzpunkt unserer inneren Beziehungen markiert hat“.Erfreut zeigte sich der Erzbischof auch von der Zahl der Pilger, die sich beinahe verdoppelt habe. Deren Präsenz sei „ein schönes Zeichen der Solidarität mit den vielen Christen und Nichtchristen, die im Bereich des religiösen Tourismus arbeiten“.

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