Kindergelderhöhung

Nur ein erster Schritt

Die Kindergelderhöhung geht in die richtige Richtung. Doch sie betreibt Gleichmacherei auf Kosten von Mehrkindfamilien. Ein Kommentar.
Kinderreiche Familien
Foto: Stefanie Paul (dpa) | Im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen bedeutet die Erhöhung beim ersten und zweiten Kind eine deutliche Steigerung (von 18 auf 31 Euro).

Seit Monaten wird um die Erhöhung des Kindergeldes gerungen. Ab Januar 2023 sollen nun alle Eltern pro Kind und Monat 250 Euro erhalten, so hat der Bundestag am Donnerstag entschieden. Die Kindergelderhöhung ist Teil eines Gesamtpakets, das sich gegen inflationsbedingte, ungewollte Steuerbelastungen richtet. Das Inflationsausgleichsgesetz passt den Einkommenssteuertarif an und erhöht Grundfreibetrag, Kinderfreibetrag und Spitzensteuersatz.

Wichtiger Bestandteil des Haushaltseinkommens

Im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen bedeutet die Erhöhung beim ersten und zweiten Kind eine deutliche Steigerung (von 18 auf 31 Euro), und so überboten sich Stimmen der Koalition in der Debatte geradezu mit Lob. Katharina Beck von den Grünen bezeichnete die „größte Kindergelderhöhung aller Zeiten“ als absoluten Meilenstein. Man sei auf einem unfassbar guten Weg. „Da kann man klatschen,“ sagte Christoph Meyer (FDP). Man unterstütze Familien gerade im Bereich von geringen und mittleren Einkommen überproportional.

Richtig daran ist, dass die Inflation durch die gestiegenen Preise für Lebensmittel, Energie und Miete bei Familien besonders zuschlägt. Das Kindergeld als wichtiger Bestandteil des Haushaltseinkommens bietet da für viele Familien eine spürbare finanzielle Unterstützung.
Aber ist es der Koalition wirklich ernst mit der Botschaft „Wir lassen Euch nicht allein!“, die Familienministerin Lisa Paus in der Erhöhung des Kindergeldes sieht? Auch wenn sich diese in bislang undenkbare Dimensionen wagt, kommt sie immer noch nicht allen Kindern zugute, denn sie führt konsequent die im Herbst eingeschlagene Linie fort.

Äußerst zaghaft sollte das Kindergeld zunächst nur für das erste und zweite Kind erhöht werden. Nach heftiger Kritik steuerte die Ampel nach und nahm auch das dritte Kind in den exklusiven Kreis dazu. Vierte und weitere Kinder blieben außen vor - so wie jetzt auch.

Mehrkindfamilien besonders von Armut betroffen

Vor dem Hintergrund, dass rund ein Drittel aller Familien mit mehr als drei Kindern als arm gilt, ist das geradezu fahrlässig. Laut einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung haben Mehrkindfamilien mit zwei Elternteilen gegenüber Familien mit nur zwei Kindern ein fast dreimal so hohes Armutsrisiko. Mehrkindfamilien mit nur einem alleinerziehenden Elternteil sind sogar in besonderem Maß von Armut betroffen, denn über 86 Prozent benötigen soziale Hilfeleistungen.

Die Bedürfnisse kinderreicher Familien werden in Deutschland offensichtlich nicht gesehen. Damit stellt auch die aktuelle Erhöhung des Kindergeldes lediglich einen ersten Schritt in die richtige Richtung dar, Familien angesichts von Inflation und Dauerkrise finanziell zu entlasten.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Cornelia Huber Armutsgefährdung Deutscher Bundestag FDP

Weitere Artikel

Nach Kritik an der Ungleichbehandlung kinderreicher Familien kündigt das Familienministerium eine Erhöhung auch für das dritte Kind an.
07.09.2022, 18 Uhr
Meldung
Entlastung einerseits, doch vierte und weitere Kinder gingen erneut leer aus: der Verband kinderreicher Familien zur Kindergelderhöhung.
11.11.2022, 11 Uhr
Meldung
Die Vorsitzende des „Verbandes kinderreicher Familien“ fordert eine stärkere Anhebung des Kindergeldes für große Familien.
25.08.2022, 14 Uhr
Meldung

Kirche

Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Papst Franziskus erinnert die Bischöfe an ihre Pflicht, für die Lehre einzustehen. Das zeigt: Seine „Basta-Kommunikation“ wirkt.
29.11.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Fazit, das der Görlitzer Bischof Ipolt aus den Gesprächen in Rom zieht ist, dass man auf dem Synodalen Weg nicht weiter machen kann wie bisher.
28.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt