Politik

Modi will den Hindu-Staat

Die Christen in Indien leiden unter Diskriminierung durch fundamentalistische Hindus. Von Maximilian Lutz
Indische Ministerpräsident  Narendra Modi
Foto: Reuters | Der indische Ministerpräsident Narendra Modi gehört zu der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP).

Im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu beklagen Christen zunehmende Gewalt und Diskriminierung von Seiten fundamentalistischer Hindus. Erst vergangene Woche gingen etwa 20 000 Christen verschiedener Konfessionen in mindestens 16 Städten auf die Straße, um gegen antichristliche Ressentiments zu demonstrieren. Seit Beginn des Jahres wird von mehr als 15 Fällen gewaltsamer Übergriffe in Tamil Nadu berichtet. Doch die Unterdrückung der christlichen Minderheit im mehrheitlich hinduistischen Indien nimmt auch in anderen Landesteilen zu. Knapp 80 Prozent der Gesamtbevölkerung sind hinduistischen Glaubens, nur gut zwei Prozent christlich.

Die Vergehen reichen von Schändungen in Kirchen, wie etwa zerstörten Marienstatuen, über die Vergewaltigung von Ordensschwestern bis hin zum Mord an einem Pastor. Besonders der letzte Fall sorgte für erhebliche Proteste der christliche Bevölkerung. Tausende gingen auf die Straße. Das Mordopfer, ein Pastor einer unabhängigen christlichen Kirche im Bezirk Kanchipuram des Bundesstaates Tamil Nadu, war im Januar erhängt gefunden worden, nachdem er sich bei der Polizei über Schikanen durch Hindus beschwert hatte.

Auch Thomas Paulsamy weiß davon zu berichten, dass sich Christen in Tamil Nadu von radikal-fundamentalistischen Hindus zunehmend bedroht fühlen. Als der Bischof der indischen Diözese Dindigul jüngst im Rahmen eines Besuchs beim kirchlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ nach Deutschland reiste, sprach er mit dieser Zeitung über seine Erfahrungen – und zeigte sich äußerst enttäuscht über die anwachsenden gewaltsamen Übergriffe. „Wir Christen pflegen eigentlich gute Beziehungen zu Hindus, Muslimen und anderen religiösen Gruppen“, meinte der Bischof. „Wir reisen zusammen, essen zusammen, leben zusammen. Manche kommen sogar in unsere Kirchen.“ An Weihnachten hätten zum Beispiel Tausende Nichtchristen katholische Gottesdienste besucht, unter ihnen auch viele Hindus. Umso trauriger sei es, dass eine hindu-nationalistische Minderheit das friedliche Zusammenleben derart störe. In seiner Nachbardiözese seien erst kürzlich hauptsächlich protestantische Gotteshäuser angegriffen und Bibeln verbrannt worden.

Bischof Paulsamy ist Vorsitzender des Komitees für Benachteiligte Kasten und Volksstämme in der Indischen Bischofskonferenz. Dort wird gerade diskutiert, wie man die Minderheit der Christen in Indien besser schützen kann. So wurde bereits eine interreligiöse Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, in der Vertreter mehrerer religiöser Minderheiten, unter ihnen auch Muslime, gemeinsam Lösungsansätze diskutieren. Zudem ergreifen nun auch immer mehr Bischöfe öffentlich das Wort und protestierten gegen den religiösen Hass. „Aber stets friedlich, nie mit Gewalt“, betont Thomas Paulsamy. Schließlich wolle man sich als Christen nicht auf das Niveau der Gegenseite herab begeben.

Den Hauptgrund für die sich verschlechternden Beziehungen zwischen Hindus und Christen sieht Bischof Paulsamy in der Übernahme der Regierung durch Narendra Modi von der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP). Bevor die BJP an die Macht kam, seien die Verhältnisse viel friedlicher und harmonischer gewesen, meint Paulsamy. Seit Modi Premierminister ist, würden fundamentale hinduistische Gruppierungen immer mächtiger. „Die BJP unterstützt die Fundamentalisten“, so der Bischof. Die Polizei verfolge manchmal sogar die Opfer gewaltsamer Übergriffe.

Der Verfassung zufolge ist Indien eine Republik. „Alle Menschen haben gleichermaßen das Recht auf Gewissensfreiheit, auf das Bekenntnis zu einer Religion und auf ihre Ausübung und Propagierung“, heißt es in Artikel 25 der Verfassung. Doch Premierminister Modi, warnt Bischof Paulsamy, wolle Indien in ein hinduistisches Land verwandeln. „Er will nicht, dass die Verfassung gilt, sondern die religiösen Prinzipien und Werte des Hinduismus.“ Dafür gibt es verschiedene Anzeichen: Wiederholt betonten Modis Minister ihre Unterstützung für Maßnahmen, mit denen die Hindu-Religion „geschützt“ werden soll. Religiöse Minderheiten werden als Bedrohung angesehen, insbesondere Muslime und Christen. Auch ein landesweites Anti-Konversionsgesetz wollte die BJP-Regierung nach ihrem Wahlsieg 2014 wieder einführen – ein Vorstoß, der jedoch vom Rechts- und Justizministerium unterbunden wurde. Die Juristen begründeten dies mit dem Hinweis, dass jegliche Gesetzgebung von Seiten der Zentralregierung, die die freie Religionswahl einschränke, gegen die Verfassung verstoße. Dennoch sind heute in sieben von 29 indischen Bundesstaaten Anti-Konversionsgesetze in Kraft. Zwischenzeitlich waren Konversionen auch in Tamil Nadu verboten, einem Staat mit einem vergleichsweise hohen Christenanteil von zwölf Prozent. Allerdings wurde das Gesetz dort wieder aufgehoben. Die Regierung sieht Konversionen dennoch weiterhin kritisch. Modi dürfte das Vorhaben eines landesweiten Konversionsverbots kaum aufgegeben haben. Im Mai 2019 finden in Indien wieder Wahlen statt. Die Opposition versucht zwar gerade, eine Koalitionspartei zu formen, um geschlossen gegen die BJP anzutreten. Ob es so gelingt, Modi die Mehrheit streitig zu machen, bleibt jedoch fraglich. Den Christen in Indien drohen fünf weitere gefährliche Jahre. Denn Bischof Paulsamy ist sich sicher:„Solange die BJP regiert, wird sie den Christen in Indien das Leben schwer machen.“

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