Afghanistan

Mit den Taliban „zurück ins Mittelalter“ ist ein unzulässiger Vergleich

Seit dem Fall Kabuls wird die Machtübernahme durch die Taliban in vielen Medien mit einer Rückkehr ins europäische Mittelalter verglichen. Der Vergleich verwundert. Ein französischer Mediävist erklärt warum.

Nach Ansicht des Mediävisten und Gründer des Blogs „Actuel Moyen Âge“, Florian Besson, ist der Vergleich zwischen einer künftigen Herrschaft der Taliban in Afghanistan und einer „Rückkehr ins Mittelalter“ verwunderlich. In einem Interview mit dem Figaro stellt er fest, dass das Mittelalter seit dem Fall Kabuls zu einer allgegenwärtigen Referenz geworden sei, was viel darüber aussage, wie sich die Menschen heute die Zeitspanne zwischen 500 und 1500 vorstellten.

Der Vergleich der Taliban mit einer Rückkehr ins Mittelalter führe deutlich vor Augen, wie das „Mittelalter ein Synonym für Gewalt und Obskurantismus – insbesondere für eine religiöse Aufklärungsfeindlichkeit“ sei. Doch dies sei ein „absichtlich geformtes Bild“. Schon der Ausdruck „Mittelalter“ sei „von A bis Z von Humanisten des 16. Jahrhunderts ersonnen worden, die sich von den vorhergehenden Jahrhunderten abgrenzen wollten, um sich der Antike anzugliedern“.

Dunkles Mittelalter

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Im Laufe der Zeit habe sich so, so Besson, eine „schwarze“ Vorstellung über diese Periode herausgebildet: „Denker wie Voltaire haben aus ihr eine dunkle Epoche gemacht, die von der Herrschaft der Adligen über das Volk und zugleich der Dominanz der Kirche über die Gesellschaft geprägt gewesen sei. Das ist die Klischeevorstellung eines Obskurantismus der Kirche, die den technischen Fortschritt und die Innovation verbietet oder die Bücher zensiert“. Dennoch „sind während der Epoche des Mittelalters die Künstler, Intellektuellen, Gelehrten und Mediziner Geistliche. Die mittelalterliche Kirche ist ein Laboratorium des Wissens und der Künste“. Wenn das Mittelalter mit der Rückkehr der Taliban verglichen werde, „ist dies also das von den Autoren der Aufklärung geschmiedete Mittelalter“, das hierbei im Gedächtnis aufgerufen werde.

Ist der Platz, den die Religion im Mittelalter einnahm, vergleichbar mit dem Stellenwert, den die Taliban ihr in Afghanistan zuweisen möchten? „Das lässt sich nicht miteinander vergleichen“, konstatiert Besson. Die Stellung der Religion im Mittelalter des Abendlandes sei zwar zentral gewesen. Dass die Religion nichts mit dem sozialen Leben zu tun habe, sei eine zeitgenössische Einschätzung. Doch im Mittelalter war sie eben omnipräsent – alle gesellschaftlichen Handlungen waren „Handlungen, die in irgendeiner Form durch die Religion“ stattgefunden hatten.

Anders als im Mittelalter

Dennoch könne man nicht sagen, „dass die Religion ein monolithischer Block ist; sie entwickelt sich schrittweise im Laufe der Jahrhunderte. Der Katholizismus des 8. Jahrhunderts hat nichts mit dem des 12. Jahrhunderts und noch weniger mit dem des 16. Jahrhunderts zu tun“. Vor allem aber, so Besson weiter, „ist dies auch nicht mit dem zu vergleichen, was die Taliban vorhaben. Es hat im mittelalterlichen Abendland niemals einen Augenblick gegeben, in dem eine Gruppe radikaler fundamentalistischer Christen die Kontrolle über ein Land übernommen hat. Die Taliban hingegen haben ein politisches Programm und wollen auf einen Schlag Praktiken durchsetzen, die auf einer bestimmten Sicht des Islam beruhen, was im Abendland noch nie geschehen ist (zumindest nicht vor der Reformation im 16. Jahrhundert)“.

Das europäische Mittelalter habe zu unseren heutigen Gesellschaften vieles beigetragen, meint Besson: „Die Epoche des Mittelalters ist eine Zeit der großen sozialen und politischen Veränderungen. Man gelangt von einer antiken Welt – die von einem Imperium beherrscht wurde -, allmählich zu einer von Königreichen beherrschten mittelalterlichen Welt, die zu unserer zeitgenössischen von Nationalstaaten beherrschten Welt führt, mit ihren Sprachen, ihren Identitäten, ihrer jeweiligen Geschichte, ihren Gebräuchen und ihren politischen Systemen“.

Platz der Frauen

Wer das Mittelalter mit den Taliban vergleiche, beziehe sich damit auf die Religion, aber auch auf den Platz der Frauen innerhalb der Gesellschaft: „Unter dem neuen Regime der Taliban kann man berechtigterweise befürchten, dass das Schicksal der Afghaninnen schrecklich sein wird. Was aber nichts mit der Stellung der Frauen im Mittelalter zu tun hat. Sie waren Rechtssubjekte, man konnte sie also nicht vergewaltigen oder töten, ohne mit der Justiz konfrontiert zu werden“. Die Frauen hatten, so erläutert Besson weiter, „wirtschaftliche Rechte und übten zahlreiche Berufe aus, was durch das Vorhandensein eines speziellen Vokabulars – wie etwa Schmiedin oder Händlerin - offenbar wurde. Der bewusste wirtschaftliche Ausschluss der Frauen wird ab dem 15. Jahrhundert umgesetzt. Im 17. Jahrhundert sind die Frauen weniger frei als im 12. Jahrhundert…“. DT/ks

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