Wahlen in Serbien und Ungarn

Konstruierte Klischees

Es hätte sich gelohnt, genauer hinzusehen: Jenseits der Klischees sind Vucics Serbien und Orbáns Ungarn doch recht verschieden. Ein Kommentar.
Vucic und Orbán
Foto: IMAGO/Wang Wei (www.imago-images.de) | Vucic und Orbán haben ihre jeweiligen Wahlen gewonnen und werden weiter regieren.

Nicht nur Ungarn und Serbien waren bis vergangenen Sonntag im Wahlkampf, auch die beide Länder analysierenden internationalen Beobachter. Da wurden leidenschaftlich Klischees entwickelt und Parallelen gesucht: Aleksandar Vucić und Viktor Orbán hätten in ihren Ländern die Medien fest im Griff, die Opposition erwürgt, das Wahlrecht manipuliert, autokratische Systeme geschaffen – und genau deshalb die Wahl überragend gewonnen. Aber was zählt das schon, wenn Wahlen nicht ganz frei und gar nicht fair sind?

Alle sollten aus dem Wahlkampfmodus herausfinden

Es hätte sich gelohnt, genauer hinzusehen, denn jenseits der Klischees sind Vucićs Serbien und Orbáns Ungarn doch recht verschieden. In Serbien haben sich nach der finsteren Milošević-Ära keine demokratischen oder rechtsstaatlichen Strukturen entfaltet. Vucić ist die Spitze eines semi-mafiosen, kleptokratischen und autoritären Systems. Orbán dagegen mag polternd und polarisierend sein, hat aber weder die Demokratie noch den Rechtsstaat lahmgelegt. Das von sehr links bis sehr rechts schillernde Mehr-Parteien-Bündnis, das ihn herausforderte, war praktisch nur durch ein einziges Thema zusammengeschweißt: Orbán zu stürzen. Das war letztlich doch zu wenig.

Lesen Sie auch:

Vucić und Orbán haben ihre jeweiligen Wahlen gewonnen und werden weiter regieren. Nun sollten alle aus dem Wahlkampfmodus herausfinden. Wirklich alle: Die internationalen Medien, die in beiden Ländern gründlicher hinsehen dürfen; die europäische Politik, die Orbán einbinden und Vucić Grenzen setzen muss; Vucić selbst, der sich von seinem Paten in Moskau lösen und zu Europas Werten bekennen muss. Und auch Orbán, der im Wahlkampfgetümmel übersehen haben dürfte, dass sich angesichts des Krieges gegen die Ukraine die politischen Fronten in Europa neu formierten. Statt weiter gegen Brüssel und Kiew zu polemisieren, sollte er Zweifel an seiner Solidarität ausräumen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die NATO ist wieder da. Und sie ist so stark und mächtig wie nie zuvor. In zwei Monaten ist Wladimir Putin, dem Präsidenten der Russischen Föderation, ungewollt gelungen, was kaum noch jemand ...
26.05.2022, 17  Uhr
Klaus Kelle
Putins Balkan-Politik zielt darauf, Europa zu destabilisieren – China steht bereit, Russland als Akteur zu ersetzen.
23.05.2022, 11  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Stephan Baier Viktor Orbán

Kirche

Systemische Diskriminierung. Alleinstehende haben nach Ansicht der Podiumsteilnehmer über die Rolle von Singles in der Kirche keinen hohen Stellenwert in den Gemeinden.
26.05.2022, 20 Uhr
Meldung
Am letzten Tag im Mai wird Papst Franziskus in der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom mit dem Rosenkranzgebet einem internationalen Fürbitte-Netzwerk vorstehen.
26.05.2022, 16 Uhr
Meldung
Mit einer Auftaktveranstaltung und einem Gottesdienst hat der 102. Katholikentag begonnen. Bundespräsident Steinmeier misst dem Synodalen Weg Bedeutung für die Zukunft der Kirche zu.
26.05.2022, 12 Uhr
Meldung
Bevor er sich unter Vollnarkose nochmals operieren lasse, trete er eher zurück – soll Franziskus italienischen Bischöfen gesagt haben.
26.05.2022, 12 Uhr
Meldung
Der Katholiken-Anteil fiel in der Alpenrepublik innerhalb von 70 Jahren von 90 auf 55 Prozent.
26.05.2022, 10 Uhr
Meldung