Lissabon/München

Kommentar: Elf Freunde

Freundschaft ist der unsichtbare zwölfte Mann auf dem Fußballplatz. Sie lässt das Ego der Stars auf Normalmaß schrumpfen, sie macht die Ballkünstler zum erfolgreichen Team. Das kann man am Champions-League-Sieg des FC Bayern sehen.
FC Bayern gewinnt Champions League
Foto: Peter Schatz (Peter Schatz / Pool) | Hansi Flick, der unscheinbare, langjährige Zweite hinter Supertrainern wie Pep Gardiola hat aus der Millionärstruppe an der Isar, die im Herbst ziemlich aus dem Tritt gekommen war, erst ein schlagkräftiges Team gemacht.

Fußball ist ein Geschäft. Der FC Bayern München hat mit seinem Sieg in der Champions League am Sonntag einen Gewinn von 135 Millionen Euro erwirtschaftet – ein Rekord. Auch der Verlierer im Finale, Paris Saint Germain, darf sich über einen zweistelligen Millionengewinn freuen, trotz der Tränen von Superstar Neymar.

Die Psychologie des Hansi Flick

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Die Masse macht's. 12,7 Millionen Zuschauer verzeichnete allein das ZDF am finalen Fußballabend, ein Quotenrekord. Aber die Masse und das Geld sind nur die Hälfte der Miete. Die andere Hälfte ist Psychologie. Ludwig Erhard sagte es schon: „Wirtschaft ist zu fünfzig Prozent Psychologie“. Und diese fünfzig Prozent haben im Wirtschaftszweig Fußball einen Namen, im Fall von Bayern München ist das Hansi Flick.

Der unscheinbare, langjährige Zweite hinter Supertrainern wie Pep Gardiola hat aus der Millionärstruppe an der Isar, die im Herbst ziemlich aus dem Tritt gekommen war, erst ein schlagkräftiges Team gemacht. Er sollte eigentlich nur übergangsweise die Stars trainieren. Aber solche Individualisten brauchen nicht mehr Spielkunst, Virtuosität am Ball oder blitzschnelle Sprints aus der „Tiefe des Raums“ (Netzer), das ist für sie Routine. Was diesen Ball-Gladiatoren nottut ist Menschlichkeit. Die hat, und das war schon bei seinem Vorbild Jupp Heynckes so, Hans-Dieter Flick im Herzen. Es sind seine Bescheidenheit, sein unkomplizierter Umgang, seine Kameradschaftlichkeit, es ist, was man früher etwas altbacken Freundschaft nannte.

"Elf Freunde müsst ihr sein"

„Elf Freunde müsst ihr sein“, meinte der legendäre Weltmeistertrainer Sepp Herberger einst. In der Tat, Freundschaft ist der unsichtbare zwölfte Mann auf dem Platz. Sie lässt das Ego der Stars auf Normalmaß schrumpfen, sie macht die Ballkünstler zum erfolgreichen Team. Weniger Ego, mehr Freundschaft – wär' das nicht auch was für die Politik, gerade in Bayern?

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