Kommentar

Christliche Architekten Europas. Von Stephan Baier

In einem Land, in dem das mürrische Nörgeln über die EU äußerst populär ist, haben Österreichs Bischöfe – nie unkritisch, aber standfest – das vereinte Europa stets bejaht und dazu aufgerufen, Christen mögen „nach dem Maßstab des Evangeliums am Bauplatz Europa mitarbeiten“. Sie taten es nun erneut bei ihrer Vollversammlung in Mariazell, wenige Tage vor Beginn der EU-Ratspräsidentschaft Österreichs. Das weckt nostalgische Erinnerungen: Es waren einst katholische Staatsmänner wie Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, Alcide de Gasperi und Robert Schuman (für die beiden Letztgenannten laufen Seligsprechungsverfahren), die an der Wiege des vereinten Europa standen.

Heute ist die Europäische Union ein Tummelplatz widerstrebender Ideologien und Ideen – wie die Gesellschaft insgesamt. Christen sind auf diesem „Bauplatz“ oft erstaunlich absent oder jedenfalls still. Dass Bischöfe die Laienchristen daran erinnern, dass ihr ureigenster Platz nicht in der Sakristei, sondern in der Weltgestaltung liegt, entspricht der Botschaft des Zweiten Vatikanums. Ebenso, dass sie sich „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ (GS 1) zu eigen machen und die Politik mahnend daran erinnern, wo Schieflagen und Ungerechtigkeiten entstehen.

Kraftvoll haben Österreichs Bischöfe in ihrer aktuellen Stellungnahme aber auch die Umsetzung von zwei Prinzipien angemahnt, die die EU der katholischen Soziallehre entlieh: Subsidiarität und Solidarität. Diese beiden tief im christlichen Menschenbild verankerten Prinzipien sind im Vertragswerk der EU festgeschrieben. Es ist darum keineswegs eine klerikale Grenzüberschreitung, wenn katholische Bischöfe an den aktuellen politischen Herausforderungen durchbuchstabieren, wie Subsidiarität und Solidarität hier und heute mit Leben zu erfüllen wären: von Arbeitsmarkt und Armutsmigration bis Zuwanderung und Zuständigkeiten.

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