Damaskus

Kirche und Assad: Sie haben ihren Frieden gemacht

Nach den Präsidentschaftswahlen in Syrien: Ein Blick auf das Verhältnis der Kirchen zum Assad-Regime.
Präsidentschaftswahl in Syrien
Foto: Hassan Ammar (AP) | Keine Wahlen, wie wir sie kennen: Nach offiziellen Angaben stimmten 95 Prozent für Bashar al-Assad.

Am 26. Mai 2021 fanden in Syrien zum zweiten Mal während des seit 2011 andauernden Bürgerkriegs Präsidentschaftswahlen statt. Mit einer Wahl, wie wir sie verstehen, hatte das Spektakel nichts gemein, auch wenn das Regime neben Bashar al-Assad immerhin noch zwei weitere der insgesamt 51 Kandidaten zugelassen hatte. An der Wahl nahmen rund 14,2 Millionen Syrer teil. Auf den Diktator Assad entfielen 13,55 Millionen und damit etwa 95,1 Prozent der Stimmen. In den vom Regime kontrollierten Teilen des Landes – und nur dort war eine Stimmabgabe überhaupt möglich – leben gegenwärtig aber inklusive der nicht-wahlberechtigten Kinder nur circa 8,5 Millionen Menschen. Demnach müssten in etwa fünf Millionen der insgesamt 6,6 Millionen außerhalb Syriens lebenden Syrer Assad gewählt haben.

Wahl in Deutschland verboten

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In Deutschland und anderen westlichen Staaten war den syrischen Botschaften die Durchführung der Wahl aber von den Behörden verboten worden. In Deutschland konnten die Wahlberechtigten unter den hier lebenden gut 800.000 syrischen Geflüchteten folglich ihre Stimme nicht abgeben, selbst wenn sie das gewollt hätten. Und auch in der Türkei konnten die schätzungsweise 3,6 Millionen dort lebenden syrischen Geflüchteten nicht an der Wahl teilnehmen. Wer von den Syrern im Ausland soll dann eigentlich Assad gewählt haben? Theoretisch teilnehmen konnten ohnehin nur jene, die in ihrem Pass einen Ausreisestempel haben – die meisten der Geflüchteten dürften aber, wenig überraschend, nicht offiziell ausgereist sein.

Entscheidend für das mörderische Regime in Damaskus ist aber, dass Assad wieder gewählt wurde. Ursprünglich angetreten als Reformer, hat er das Land in einen blutigen Bürgerkrieg geführt, dem rund 500.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Ganze Städte und die öffentliche Infrastruktur sind weitgehend zerstört. Die Bevölkerung hat seit 2010 um etwa 21 Prozent abgenommen, der Anteil der Christen um bis zu 78 Prozent. Circa 6,7 Millionen Syrer sind Binnenvertriebene, rund 6,6 Millionen ins Ausland geflohen. Bis 2015 massiv in Bedrängnis geraten, verdankt das Regime seine heutige Position vor allem Russland, aber auch Iran – das syrische Regime kontrolliert mittlerweile wieder mehr als die Hälfte Syriens. Gleichwohl werden große Teile von Nord- und Nordostsyrien von Kurden kontrolliert, das Regime ist kaum präsent. Die Provinz Idlib und weitere Landesteile im Norden Syriens werden von der Türkei und ihren radikal-islamischen Vasallen kontrolliert.

Der Anteil der Christen hat seit 2010 von ungefähr 1,5 Millionen auf mittlerweile wohl weniger als 350.000 abgenommen. Viele der in Syrien verbliebenen Christen hätten das Land längst verlassen, hätten sie dazu die Möglichkeit. Aber wohin sich wenden? Die Grenze zur Türkei ist hermetisch geschlossen. Der Libanon ist spätestens seit der gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 nur noch mit sich selbst beschäftigt. Und selbst wenn man in die Türkei oder in den Libanon käme, käme man nicht weiter. Dafür sorgen die EU und ihre Mitgliedsländer mit ihrer rigiden, strikt auf Abwehr orientierten Flüchtlingspolitik.

Lebensversicherung für die Kirchen

Für die Kirchen in Syrien heißt das, dass sie einmal mehr ihren Frieden mit dem Assad-Regime machen müssen. Denn wer in Syrien leben, überleben will, muss sich mit dem Regime arrangieren. Im Hinblick auf die Kirchen ist das immer wieder – und zu Recht - kritisiert worden, insbesondere wenn Kirchenführer auch oder gerade im Ausland den Lobpreis auf das Regime und den Dialog gesungen haben. Entschuldigend haben diese Kirchenvertreter betont, dass sie als Hirten auch für das Wohl ihrer Herde verantwortlich seien. Und der Großteil dieser Herde, die Christen in Syrien, hat das gutgeheißen und sich selbst entsprechend verhalten.

Das gute Einvernehmen mit der Staatsmacht und dem Staatslenker Assad wurde als Lebensversicherung für die Kirchen, die Kirchenführer, aber auch für die christlichen Geschäftsleute verstanden. Dafür auf politische Freiheiten oder gar politische Aktivitäten zu verzichten, galt als absolut hinnehmbar. Zumal jedem klar war, dass für Verhaltensweisen, die aus der Sicht des Regimes als Kritik oder gar Bedrohung wahrgenommen werden konnten, Haft, Folter und Tod nicht nur im Bereich des Möglichen lagen. Auch wenn sich an der Haltung der Kirchenführer, dass sie als Hirten auch für das Wohl ihrer Herde verantwortlich seien, nichts grundlegend geändert hat, hat sich der entsprechende Diskurs und wohl auch die diesem zugrundeliegende Einsicht seit dem Beginn der Unruhen 2010, der Aufstände und des Bürgerkriegs in Syrien doch deutlich geändert. Einige Kirchenvertreter nehmen heute sogar eine offen regimekritische Haltung ein.

Eine Rolle hat dabei sicher gespielt, dass sich schon seit dem Beginn der Unruhen und Aufstände in Syrien Christen gegen das Regime gestellt haben und an der Seite der sunnitisch-muslimischen Bevölkerungsmehrheit gegen Assad und sein Regime demonstriert und protestiert haben. Und sicher auch, dass viele mit den Füßen abgestimmt und das Land verlassen haben – nicht nur junge Männer, die nicht für das Assad-Regime sterben wollten. Wenn nun im Vorfeld der Präsidentschaftswahl Kirchenführer in Syrien zur Teilnahme an den Wahlen aufgerufen und dabei ausgeführt haben, die syrischen Bürger sollten dabei ihrem Gewissen folgen, ist das sicher nicht kritikwürdig, sondern den Umständen geschuldet. Das machen auch die Anmerkungen des chaldäisch-katholischen Bischofs Antoine Audo deutlich, man habe die Menschen lediglich gebeten, ihre Pflicht zu erfüllen, aber keine Wahlpräferenzen geäußert, wisse aber, dass die Mehrheit derjenigen, die zur Wahl gehen, Assad erneut wählen werde. Man wisse, wie die Dinge stehen, kenne den syrischen Kontext und die Verhältnisse im Nahen Osten.

Bedrohungslage bestimmt Handeln der Kirchen

Damit spielt Audo auf die gefühlte und konkrete Bedrohung durch den radikalen Islam an, der sich die Christen wie andere religiöse Minderheiten und auch große Teile der muslimischen Bevölkerung Syriens in den letzten zehn Jahren ausgesetzt sahen und weiterhin ausgesetzt sehen.
Solange sich keine politische Lösung für Syrien findet, wird sich daran nichts ändern


Der Autor war bis zu seiner Pensionierung zuständig für den Internationalen Religionsdialog bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Davor leitete er von 2012 bis 2016 das Auslandsbüro in Jorandien, das damals auch für Syrien zuständig war. 

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