Kardinal ohne Kanzlerin

Beim Michaelsempfang der Bischofskonferenz fehlte dieses Mal die Staatsspitze. Von Sebastian Sasse
Reinhard Marx beim Michaelsempfang
Foto: KNA | Reinhard Kardinal Marx schaut während seiner Ansprache ins Publikum. Anders als in den vergangenen Jahren wird er dort nicht die Bundeskanzlerin oder den Bundespräsidenten sehen können.

Dabei sein ist alles – das ist das Motto, wenn in der Hauptstadt zu wichtigen Empfängen eingeladen wird. Einmal im Jahr richtet auch die Deutsche Bischofskonferenz so ein Groß-Event aus: den Michaelsempfang. Und dieser Empfang sticht im üblichen politischen Terminkalender besonders heraus: Das zeigte sich in den letzten Jahren daran, dass eigentlich immer die Bundeskanzlerin oder auch der Bundespräsident als Gäste dabei sein wollten. Dieses Mal war das anders: Als am Mittwoch vergangener Woche Reinhard Kardinal Marx die Besucher in der Katholischen Akademie in Berlin begrüßte, saßen weder Merkel noch Steinmeier im Publikum. Aus dem gesamten Bundeskabinett war lediglich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) anwesend. Stark vertreten war allerdings die Riege der Ehemaligen: Ex-CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder, Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maiziere oder Ex-Bundesumweltministerin Barbara Hendriks (SPD). Schließlich waren auch der neue CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus und sein Stellvertreter Hermann Gröhe gekommen, der zugleich auch kirchenpolitischer Sprecher seiner Fraktion ist.

Ist der Mangel an Spitzenpolitikern nur auf Terminprobleme zurückzuführen? Ausgerechnet am nächsten Tag war in der FAZ folgende Schlagzeile zu lesen: „Rekatholisierung der Union“. Der Autor spielte damit darauf an, dass – von der protestantischen Kanzlerin natürlich abgesehen – immer mehr Schlüsselpositionen in der Partei von Katholiken besetzt sind. Das ist tatsächlich so: CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer ist katholisch genauso wie die Mehrzahl der Kabinettsmitglieder aus der Union. Schließlich streichen auch mit Jens Spahn und Julia Klöckner zwei ihre katholische Prägung besonders heraus, denen man Ambitionen auf höhere Ämter zusprechen kann. Und offensichtlich halten beide so ein katholisches Profil für förderlich. Beim vergangenen Katholikentag in Münster fiel es schwer, eine Veranstaltung zu besuchen, bei der nicht gerade entweder Klöckner oder eben Spahn vorbeigeschaut hatten. Man konnte das Gefühl bekommen, zwischen beiden laufe eine Art Wettkampf ab, wer künftig als „die katholische Stimme“ in der Union sprechen dürfe.

Umso bezeichnender aber nun, dass eben aus dieser Riege der katholischen Spitzenpolitiker nur Julia Klöckner vorbeigeschaut hat. Das regte einige Teilnehmer zu Spekulationen an – denn neben dem Dabei-sein gehört das Spekulieren zu den wichtigsten Tätigkeiten, denen man während so eines Empfanges nachgehen kann. Ist das Fernbleiben als Signal vor dem Hintergrund der Debatte um die Missbrauchsfälle zu verstehen? Meiden führende Unionspolitiker im Moment ganz bewusst die Nähe zu Kirchenvertretern, einfach weil es keinen Popularitätsgewinn verheißt, sich jetzt mit Kardinälen oder Bischöfen fotografieren zu lassen? Eine andere Einschätzung, die man hören konnte: Ist das Fernbleiben der Kanzlerin nicht gerade auch gegenüber Kardinal Marx eine Art unsolidarischer Akt? Schließlich hatte der Münchner Erzbischof wie kaum ein anderer Merkel während der Flüchtlingskrise Rückendeckung gegeben. Hätte er dann nicht nun auch Unterstützung verdient?

Marx selbst ging auf solche Aspekte in seiner kurzen Ansprache gar nicht ein. Auch hier hätte man mehr programmatisches Profil erwarten können. Schließlich war der Kardinal der einzige Hauptredner sprach von „schweren Wochen“, die hinter den Katholiken lägen. Seinen Schwerpunkt legte er auf eine eher religionsphilosophische Betrachtung der Gegenwart: Die alte These von der Säkularisierung, die auf ein gänzliches Verschwinden der Religionen abgezielt habe, sei offensichtlich widerlegt. Das Religiöse sei immer noch präsent. Marx hob weiterhin hervor, dass gleichwohl der säkulare Staat eine Grundbedingung der Moderne sei. Er biete den Rahmen, in denen sich die Religionen in den Gesellschaften betätigen könnten. Deswegen sei er auch nicht mit einer säkularen Gesellschaft gleichzusetzen. Konkreter auf die Missbrauchsfälle ging Prälat Karl Jüsten ein, der Leiter des Katholischen Büros der Bischofskonferenz in Berlin: Die Fälle müssten vor weltliche Gerichte, sie stellten aber auch ein Verbrechen gegenüber Gott dar. Es sei nicht zu akzeptieren, „wenn diejenigen, die dazu beigetragen haben, dass Täter ihr schändliches Handeln fortsetzen konnten, nicht zur Verantwortung gezogen werden“.

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