Frankfurt

Juden in Deutschland: „Angst nimmt spürbar zu“

Juden in Deutschland fehle immer mehr das Gefühl von Sicherheit sowie die Möglichkeit, ihre Religion frei ausüben zu können, beklagt der Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz.
Antisemitismus in Deutschland
Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) | Juden in Deutschland seien „bewusst zurückhaltend“, so Gronich, und würden durch die Angriffe in diesem Verhalten bestärkt.

Aufgrund zahlreicher antisemitischer Angriffe in Deutschland in den letzten Wochen zeigt sich der Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz, Gady Gronich, zunehmend besorgt. Die Angst nehme spürbar zu, so Gronich im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Juden in Deutschland sind sehr besorgt, denn antisemitische Angriffe werden mehr und mehr zur Normalität.“ Wenn ein Gläubiger mit Kippa auf die Straße gehe, müsse er sich immer wieder umdrehen und schauen, ob ihn jemand verfolge. „Wer offen als Jude erkennbar ist, kann plötzlich in Gefahr geraten.“

Angriffe machen Nachahmern Mut

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Ein weiteres Problem sieht der israelische Rabbiner, der seit 27 Jahren in Deutschland lebt, darin, dass die Angriffe Nachahmern Mut machen würden. „Besonders, wenn sie sehen, dass die Strafen nur gering ausfallen.“ Zwar fühlten sich viele Juden in Deutschland zuhause – ihnen fehle aber ein Gefühl von Sicherheit sowie die Möglichkeit, ihre Religion frei ausüben zu können.

Juden in Deutschland seien „bewusst zurückhaltend“, so Gronich weiter, und würden durch die Angriffe in diesem Verhalten bestärkt. „Sie zeigen ungerne, welcher Religion sie angehören.“ Als Beispiel nennt der Rabbiner, dass es manchen Gläubigen unangenehm sei, wenn ihre Nachbarn eine jüdische Zeitung im Briefkasten sähen. „Andere überlegen zwei Mal, ob sie an Feiertagen mit der Familie in die Synagoge gehen.“ Gronich nennt Angst und Unsicherheit als Grundstimmung - „und das ist traurig, denn wir leben gerne in Deutschland“.

"Es kommt mir so vor, als hätte noch
nicht jeder verstanden, dass Juden genauso
ganz normale Bürger und in Deutschland zuhause sind"

Zur Verbesserung der momentanen Situation wünscht sich Gronich von der Bundesregierung, mehr in Aufklärung und Prävention antisemitischer Übergriffe zu investieren. Die Erinnerungen an die für Juden dunklen Zeiten in Deutschland trügen sich über Generationen fort. „Es kommt mir so vor, als hätte noch nicht jeder verstanden, dass Juden genauso ganz normale Bürger und in Deutschland zuhause sind.“

DT/mlu

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost.

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